"Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt".
(Rainer M. Rilke)

Unsere erste Fahrt nach Ungarn nach der Vereinsgründung „Projekt-Pusztahunde e.V.“ begann am 30.04.2010.

Dagmar Sieg und ich, Anna-Lena Weitzel, hatten die Möglichkeit, diese erste Fahrt zu machen, um uns einen Eindruck der beiden Tierheime in Orosháza und Szentes zu verschaffen uvm. Dagmar startete am Freitagabend in Norddeutschland und holte mich kurz nach Mitternacht in Nordhessen ab. Ohne Stau oder andere Komplikationen kamen wir mittags in Ungarn an und bezogen erst einmal unsere Hotelzimmer. Dann hieß es, sich fertig machen, um zu Kerstin und Fritz zu fahren. Auf dem Weg dorthin machten wir noch einen Zwischenstopp bei der Junghündin Pünktchen (siehe Zuhause gesucht, Hündinnen 35 - 50 cm). Dadurch hatten wir die Chance, diese süße Hündin persönlich kennenzulernen. Sie begrüßte uns, als würde sie uns schon immer kennen. Einfach nur lieb, tapsig und ihr schielender Blick brachte uns ein Strahlen ins Gesicht. Es war einfach klasse, ihr zuzuschauen und wir hätten noch stundenlang bleiben können. Aber wir wollten ja noch zu Kerstin und Fritz, um noch verschiedene Dinge für den darauffolgenden Tag zu besprechen, was wir dann auch neben Kuchen essen, Kaffee trinken und einem leckeren Abendessen taten.

Spät abends sind Dagmar und ich dann müde und erschöpft von der langen Fahrt und dem langen Tag ins Bett gefallen und haben geschlafen wie die Murmeltiere.

Am nächsten Morgen ging es nach dem Frühstück wieder zu Kerstin und Fritz  und dort lernten wir Erika kennen. Erika begleitete uns den ganzen Tag und sie war unsere Dolmetscherin. Wir 4 Frauen starteten unseren Marathontag und es ging erst einmal in das Tierheim nach Orosháza. Dort angekommen, wurden wir sehr freundlich von den Mitarbeiterinnen und Aktivistinnen in Empfang genommen.

Das Tierheim ist verhältnismäßig groß, so dass die zurzeit ca. 120 Hunde in den Zwingern zu zweit oder zu dritt leben und immer zwischendurch in ausgewählten Gruppen in den Freilauf können. In dieser Zeit haben sie auch die Gelegenheit, sich u.a. auf einer Wiese auszutoben, Gras unter den Pfoten zu spüren und sich genüsslich darin zu wälzen, was für ungarische Verhältnisse nicht selbstverständlich ist.

Einige der Hunde leben seit bereits 10 Jahren in dem Tierheim und kennen nichts anderes als dieses.

Die Mitarbeiter und Aktivisten sind mit vollem Herzblut dabei und kümmern sich neben ihrer Arbeit und Familie, auch an Feiertagen, um „ihre“ Hunde. 

Das Tierheim gehört zu den armen Tierheimen: Die Gehege sind aus verschiedenen Materialien zusammen geschustert, es gibt noch keine Krankenstation und als Futter bekommen sie die Reste aus Kantinen und kaufen von dem wenigen Geld, welches sie haben, günstiges Fleisch in der Umgebung. Somit besteht das Futter aus Entenköpfen, Hühnerhinterteilen und Brot, welches alles zusammen gemengt wird. Nicht gerade das beste Futter für die Hunde, aber immerhin bekommen sie etwas zu fressen und müssen nicht verhungern.

Das Gelände ist recht groß, so dass es möglich wäre, eine Krankenstation und ein Welpenhaus zu errichten. Die Quarantänestation, welche zurzeit aus ein paar wenigen Zwingern besteht und voll belegt ist, könnte erweitert werden. Jedoch fehlen auch hierfür die finanziellen Mittel.

Im Moment ist es so, dass z.B. frisch kastrierte Hündinnen privat bei den Mitarbeitern und Aktivisten untergebracht und versorgt werden könnten, so lange, bis sie sich wieder regeneriert haben. Danach kämen sie wieder zurück in die Gehege zu den anderen Hunden. Allein das zeigt ja schon, wie sehr diese Menschen für die Hunde da sind und wie sie für ihre Schützlinge kämpfen.

Nach unserem Rundgang durch das Tierheim, bei dem wir so viele tolle Hunde mit so klasse Charakteren getroffen haben, die sich in den Vordergrund drängten, um einfach ein wenig Aufmerksamkeit zu bekommen, besprachen wir noch einige Infos bzgl. der Zusammenarbeit. Es wurde deutlich, dass das Tierheim Unterstützung braucht. Die Mitarbeiter würden gerne die Hilfe annehmen auch wenn ihnen die Vorstellung jetzt schon schwer fällt, dass evtl. einige ihrer Hunde in ein anderes Land umziehen werden.

Nun mussten wir leider Abschied nehmen, da wir ja noch das Tierheim in Szentes auf unserer Programmliste stehen hatten.

Es war ein schreckliches Gefühl, die Hunde mit ihren flehenden Blicken zurück zu lassen.

Der Abschied von den Mitarbeitern war sehr freundlich und herzlich, es gab Umarmungen und Küsschen. Man könnte sagen: Wir kamen als Fremde und gingen als Freunde. So schwer es uns auch fiel, wir mussten weiter.

Zuerst mussten wir uns aber wieder, wie auch schon auf dem Hinweg, über den Zufahrtsweg kämpfen. Dieser besteht mehr aus Schlaglöchern und Steinen, schlimmer als der schlechteste Feldweg in Deutschland und wir fuhren an Kühen vorbei, die am Wegrand festgekettet wurden - das ist halt Ungarn. Aber auch das haben wir geschafft.

Nach einer ca. 45-minütigen Fahrt, kamen wir in dem Tierheim in Szentes an. Wir hatten vorab die Info, dass es ein sehr kleines und armes Tierheim mit ca. 220 Hunden ist, das von 1,5 Mitarbeitern und zusätzlichen Aktivisten versorgt wird. Als wir davor standen, war mein erster Gedanke: Wie um Gotteswillen sollen so viele Hunde hier hinein passen? Mir wurde mulmig.

Es kamen uns zwei Aktivistinnen entgegen und auch hier wurden wir wieder sehr freundlich empfangen.

Noch vor dem Eingang fiel unser Blick auf eine Hundebox, eine Art Hundeklappe, in der sehr regelmäßig morgens „Neuzugänge“ sitzen.

Wir betraten das Tierheim und waren geschockt. Wir sahen eine Vielzahl von Hunden, die zu viert oder zu sechst in viel zu kleinen Gehegen saßen. Sie drückten sich, wie auch in Orosháza, an die Gitterstäbe, fingen an zu bellen (was natürlich eine Kettenreaktion auslöste), sprangen wie verrückt an den Gittern entlang, sahen uns mit hilflosen und verzweifelten Blicken an, streckten ihre Köpfe so weit es ging durch die Gitter hindurch, auf der Suche nach ein klein bisschen Zuwendung, eine kurze Streicheleinheit.

Auch hier sind die Mitarbeiter und Aktivisten mit vollem Einsatz bei ihrer Arbeit und kämpfen Tag für Tag um ihre Schützlinge.

Immer wieder trieb es uns die Tränen in die Augen und es wurde so deutlich spürbar, wie diese lieben Menschen um das Überleben der Hunde kämpfen. Sie wissen heute nicht, was sie den Hunden morgen füttern sollen!!!

Alles was sie an Geld bekommen, setzen sie sofort in Futter um. Sie bekommen, wie in Orosháza auch, von den Kantinen die Essenreste und Brot, doch das reicht bei der Vielzahl von Hunden bei weitem nicht, um sie satt zu bekommen.

Aus der Umgebung sammeln die Mitarbeiter frische Grashalme und geben sie den Hunden. Es ist kaum zu glauben, aber die Hunde freuen sich über frisches Gras!!! Viele von ihnen leben seit bereits 10 Jahren im Tierheim, also fast oder ihr gesamtes Leben. Sie wissen nicht wie es ist, Gras unter den Pfoten zu haben oder sich darin zu wälzen…woher sollen sie es auch kennen?

Während die Gehege gesäubert werden, dürfen die jeweiligen Hunde in den kleinen Freilauf. Es ist lediglich ein betonierter und geschotterter Platz und keinerlei Grünfläche vorhanden.

Es war ein Bild des Jammerns und einfach nur traurig.

Die Emotionen, die bei diesem Anblick in einem aufkommen, sind nicht zu beschreiben.

So viele tolle Hunde! Sie sehen nicht nur schön aus, nein, sie haben auch so klasse Charaktere. Aber niemand kann es sehen, weil sie ihr „Leben“ im Tierheim verbringen. Die meisten von ihnen wurden von den Menschen, ihren ehemaligen Besitzern, einfach entsorgt. Wie sagte Dagmar: Man sieht förmlich die kleinen Herzchen aus ihren Augen herausspringen.

Für die Mitarbeiter gibt es einen alten Wohnwagen, in den sie sich mal zurückziehen können und bei schlechtem Wetter ein wenig geschützt sind. Aber sie haben nicht einmal eine Toilette!!!

Es gibt noch einen Bauwagen, in dem sie Futtervorrat lagern (hierfür brauchen sie kaum Platz, da sie ja kaum etwas haben an Futter) und frisch kastrierte Hündinnen unterbringen könnten. Zurzeit „lebt“ dort eine Rauhhaar-Dackelhündin mit ihren Welpen auf engstem Raum. Sie haben keine Möglichkeit die kleine Familie in einem eigenen Gehege unterzubringen. Würde sie mit 4-6 anderen Hunden zusammen gesetzt, wäre es viel zu gefährlich und würde wahrscheinlich den Tod für die Kleinen bedeuten. Abends wollte eine der Aktivistinnen die Hundefamilie mit nach Hause nehmen, damit die Welpen nicht nur im Dunkeln sitzen müssen, sondern an der frischen Luft herumtollen können. Wir hoffen, dass wir sowohl für die Mutter wie auch für die Welpen ein schönes Zuhause finden werden.

Da das Tierheim räumlich beengt ist, besteht fast keine Möglichkeit, es mit Gehegen zu erweitern oder eine Kranken- und/oder eine Quarantänestation aufzubauen.

Die Mitarbeiter und Aktivisten machen wirklich alles, was in ihrer Macht steht, aber ihre Möglichkeiten sind eben extrem begrenzt.

Sie wünschen sich so sehr, dass „ihre“ Hunde, an denen sie wirklich mit ihrem ganzen Herzen hängen, ein besseres Leben bekommen, dass sie ausreichend Futter und medizinische Versorgung erhalten und durch Kastrationsprogramme die Vermehrung reduziert bzw. gestoppt wird. Dieses Ziel können sie ohne Unterstützung nicht erreichen.

Es war bereits Abend geworden und es wurde Zeit, Abschied zu nehmen. Auch hier wurden wir liebevoll mit Umarmungen und Küsschen verabschiedet. Genau wie in Orosháza fiel es uns schwer, den Hunden vorerst den Rücken zu kehren und wieder zu fahren.

Wir brachten Erika, unsere Dolmetscherin, die den gesamten Tag alle Gespräche für uns übersetzt hat, nach Hause und fuhren dann zu Kerstin und Fritz. Unsere Köpfe dröhnten: Die vielen Eindrücke, die vielen Bilder und die traurigen Blicke, die sich im Kopf festsetzten.

Wir saßen noch bis spät abends zusammen, wurden zu einem leckeren Abendessen eingeladen und redeten noch lange über unsere Erlebnisse.

Zurück im Hotel konnten wir kaum schlafen. Die Gedanken kreisten immer wieder um die Frage: Wie können wir die beiden Tierheime unterstützen???

Auch auf der Heimfahrt am nächsten Tag konnten weder Dagmar noch ich als Beifahrer ein Auge zumachen. Zu sehr waren wir mit Orosháza und Szentes beschäftigt.

Bis auf einen kurzen Stau kamen wir am Montag wieder in Deutschland an, mit dem Gedanken, hoffentlich schon bald wieder nach Ungarn fahren zu können, um vor Ort zu helfen.

Aber nicht nur vor Ort können wir helfen, nein, auch von hier aus können, wollen und müssen wir etwas tun.

Es gibt viel Arbeit und alle können dazu beitragen, für ein besseres Leben für die vielen Hunde in Ungarn zu sorgen. Sachspenden oder Geldspenden oder wie auch immer, es wird alles an Hilfe und Unterstützung gebraucht (siehe auch auf der Startseite).

Wir dürfen nicht die Augen vor diesem Elend verschließen, denn es ist die bittere Realität!

Also packen wir es an und helfen gemeinsam!!!

Anna-Lena Weitzel    

 
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