"Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt".
(Rainer M. Rilke)

Von Menschen und Tieren – ein Reisebericht

Nachdem ich den ganzen Tag unruhig gewesen bin, habe ich mich am Abend des 20. Junis mit den Abschiedsworten meines Mannes „fahr vorsichtig, ich habe dich lieb, bring bloß keinen neuen Hund mit" auf den Weg nach Kassel gemacht, wo mich Angelika mit dem Ungarn-Express aufsammeln wollte.

Sie kam 1,5 Stunden später als verabredet dort an und war ziemlich kaputt. Sie hatte sich ewig durch Baustellen und Staus quälen müssen und so übergab sie die Schlüssel des Transporters mit den Worten „Du bist ja schon mal Transporter gefahren!" an mich. Ähhh, ja. Bin ich. Hatte ich ihr ja auch geschrieben. Aber sie hatte offensichtlich nicht das Kleingedruckte gelesen ... vor 20 Jahren das letzte Mal. Ach, was solls. Ist vielleicht wie Radfahren, was man ja auch nie mehr verlernt, wenn man es einmal kann. Ich war die ersten paar Minuten doch recht unsicher, denn es war dunkel und regnete ziemlich heftig, aber nachdem Angelika mich auf die richtige Bahn geleitet hatte und in seligen Schlaf versank, blieb mir wenig anderes übrig, als mich mit dem Transporter anzufreunden. Wir waren schnell per du und so schafften wir es zügig nach Ungarn.

Zwischendurch dachte ich gelegentlich, dass das Thermometer bestimmt defekt sei, denn es stieg sozusagen stündlich weiter an. Als wir bei Kerstin, die ca. 2 Stunden von Orosháza entfernt wohnt, ankamen um sie einzusammeln, wurde mir schlagartig klar, dass das Thermometer, das zum Schluss 36 Grad angezeigt hatte, völlig in Ordnung war. Es traf mich beim Aussteigen wie ein Schlag, ein heißer Schlag. Nach einer durchfahrenen Nacht so was. Das haut einen zwischenzeitlich aus den Latschen. Angelika murmelte noch etwas von Sahara-Winden und Wüstenklima. Aber nützt ja nichts. Nach einer kurzen Pause ging es weiter in Richtung Orosháza.

In Orosháza angekommen haben wir bei Robi noch Spenden ausgeladen.
bilder019Dort habe ich dann die ersten Hunde, die ich bisher nur von der Website kannte, kennen gelernt. Empfangen wurden wir von dem durch und durch lieben Doki, der sich mit Begeisterung streicheln und streicheln und streicheln und streicheln ließ. Sooooo ein netter Hund.
bilder016Die süße Mini-Cockerdame Suzy, die wegen einer Tierarztuntersuchung bei Robi war, kam angewatschelt. Sooooo süß. Das Schwänzchen stand nicht still. Sie ist ganz entzückend und so weich und so lieb.

Die nette Niki, die etwas schüchtern war, aber gerne mit Angelika zusammen ein Päuschen auf dem Hundebett eingelegt hat.
bilder985Der pfiffige Taxi, ein Ball-Junkie vorm Herrn. Er hat mir seinen Ball ungefähr 100 Mal vor die Füße gelegt und dann immer brav gewartet, ob ich ihn schmeiße. Kein bisschen aufdringlich. Wenn der Ball geflogen ist, ist er wie ein wilder hinterher geflitzt. Dann alles wieder von vorn. Und das bei gefühlten 50 Grad. Wenn man sich den ins Haus holt, wird man sicher viel zu lachen haben.
012Und dann natürlich noch der 16-jährige Opa Dodi. So ein Charmbolzen.
290Der Tag neigte sich allmählich dem Abend zu und Angelika und ich waren ziemlich platt. Also ab ins Hotel, einchecken, schnell noch eine Pizza verdrücken, die den Cholesterinspiegel schlagartig um 100% nach oben schnellen ließ, dabei die Pässe der Hunde kontrollieren, die am Samstag reisen würden und dann ab ins Bett. Ich kann mich nicht mal an das Berühren der Matratze erinnern. Ich muss vorher schon geschlafen haben.

Am Freitag stand dann der Besuch des Tierheims auf dem Plan. Noch bevor es zu den Hunden ging, wurden die Spenden ausgeladen. Es gab Futter, Leckerchen, Handtücher, Decken, Spezialbetten für Hunde in der Krankenstation, Spielzeug für die jungen Hunde und vieles mehr.
bilder060Wir hatten diesmal sogar etwas ganz besonderes dabei. Nämlich 2 Fahrräder für die Jungs, die oft im Tierheim aushelfen. Die hatten bislang keine Räder und konnten so immer nur zusammen mit Icus, der Tierheimleiterin, ins Tierheim fahren. Jetzt sind sie davon unabhängig und können so noch mehr für unsere Tiere tun. Die Räder waren eine Spende eines lieben Vereinsmitgliedes, die selber bereits 4 Hunde von uns hat (einen davon haben wir übrigens bei dieser Fahrt nach Deutschland mitgenommen). Ich werde von der Fahrrad-Aktion aber noch im Rahmen unseres Jugend- und Schulprojektes gesondert berichten.
bilder089Dann kam endlich der große Moment. Wir sind rein gegangen zu den Hunden. Eine Truppe kleiner und größerer Wusel kam und hat was zu knabbern abgestaubt. Sie gehören zu einer Truppe Hunde, die sich frei auf dem Gelände bzw. auf Teilen davon bewegen dürfen. Die glücklichen.

Wir sind einmal durch das ganze Tierheim gegangen, haben Leckerchen verteilt und geschaut, ob mit den Hunden alles ok ist. Ich hatte einige Fotoaufträge von Interessenten und meinen Team-Kollegen, deshalb habe ich geknipst wie ein Weltmeister. Und gestreichelt wie ein Weltmeister. Und Angelika hat Knabbereien verteilt wie ein Weltmeister. Sind halt eine Menge Hunde.

„Meine" Hunde, also die, die ich als Vermittler betreue, habe ich natürlich auch besucht und war wirklich begeistert. So viele nette Jungs und Mädels!

Die Zeit verging wie im Flug und schon mussten wir wieder aufbrechen.

Und dann ganz plötzlich war er da....der schlimmste Moment auf meiner Reise. Diese absolute Stille die auf einmal eintrat und durch nichts mehr unterbrochen wurde.

Obwohl wir noch eine Weile vor dem Tierheim standen um Dinge zu besprechen, legten sich beim Schließen des Tores alle Hunde wie auf ein unsichtbares Kommando hin. Gaben keinen Laut mehr von sich. Kein Mucks war mehr zu hören. Da wurde mir plötzlich klar, dass der Tierheimalltag die Hunde wieder eingeholt hatte. Alle verharren für die nächsten 20 einsamen Stunden, in denen nichts passiert ... reinweg gar nichts. Warum sollten sie irgendetwas machen oder von sich geben? Kein Mensch ist mehr dort, der es mitbekommen könnte.

Da geht es nicht darum, ein paar Stunden in einem gemütlichen Körbchen zu überbrücken bis Herrchen oder Frauchen von der Arbeit kommt um dann einen schönen Spaziergang durch Felder und Wiesen zu machen. Da geht es um das Überstehen von totaler Einsamkeit und Leere. Tag für Tag. Bis am nächsten Morgen jemand für eine Minute den Zwinger betritt um Futter zu bringen, Wasser nachzufüllen und Exkremente zu beseitigen. Wenn man ganz viel Glück hat, streichelt derjenige einem einmal über das Fell.

Da geht es darum, genügend Futter zu bekommen, darum die Hitze des Tages oder die Kälte der Nacht zu überleben. Darum, nicht zu viel abzubekommen, bei Streitigkeiten untereinander. Niedergeschlagen steige ich ins Auto.

Abends haben wir mit dem ungarischen Team zu Abend gegessen und die anstehenden Projekte besprochen, wie den Bau der neuen Zwingerreihe, der jetzt beginnen soll. Der Kellner des Restaurants war sehr nett und hat uns über das Fußballspiel Deutschland-Griechenland auf dem Laufenden gehalten. Er hat uns sogar die Spieler benannt, die die Tore geschossen haben. Bei Caddy Ra musste ich allerdings mein ganzes (nicht vorhandenes) Fußballwissen hervorholen, um den Torschützen zu identifizieren.

Der Abend war zu Ende als Angelika eine SMS erreichte..."bitte bringt mir meinen Hund doch schon früher mit, nicht erst im August ... ich mache mir große Sorgen". Die kleine Tacsi ... wenn sie wüsste, dass jemand sich solch liebevollen Gedanken um sie macht ... sie wäre sehr sehr glücklich. Angelika bat nach dieser Nachricht unsere Übersetzerin Judit, Icus, die schon auf dem Nachhauseweg war, anzurufen, ob diese spontane Reise wohl möglich sei. Und ja, theoretisch wäre es das gewesen. Allerdings müssten natürlich am nächsten Tag noch eine Menge Formalitäten erledigt werden. Die Ampel für Tacsis verfrühte Abreise stand auf Grün.....leider nur bis zum nächsten Morgen, denn bereits bei einem frühen Frühstück erreichte uns die Information, dass es zeitlich nicht mehr hingehauen hatte, alle Papiere für Tacsis Abreise zu besorgen...war halt Samstag.

Arme Tacsi. Arme Anja. Ich bin aber davon überzeugt, dass die liebe Tacsi die restlichen Wochen im Tierheim gut übersteht. Mitte August beginnt ihr neues glückliches Leben in einem wunderbaren Zuhause, das auch schon Klein-Molli wieder zu einem fröhlichen Hund gemacht hat. Glückliche Tacsi.
234Gegen 10 Uhr am Samstag wurden die Reisekandidaten verladen. Für mich war das ein sehr emotionaler Augenblick. Einige Hunde stiegen freudig in den Transporter, als könnten sie es gar nicht erwarten, in ihr neues Leben zu starten, so auch Gyöngyi. Andere mussten freundlich gebeten werden, in den Kennel zu krabbeln.
319Der blinde Foxi nahm die Sache wieder Erwarten recht gelassen. Ganz anders als der kleine Vacak, der von seinem Pflegefrauchen übergeben wurde. Er, die Vizsla-Dame Boróka und die kleine süße Bodza haben uns während der Fahrt immer mal wieder mit einer kleinen Gesangseinlage beglückt. Und der alte Dodi auch. Für ihn war die Sache aber relativ schnell gegessen, denn wie kann man einem 16-jährigen Charming-Boy widerstehen ... er durfte bereits nach ganz kurzer Zeit aus seiner Box aussteigen und ganz exklusiv auf dem Schoß wechselnder Damen reisen, denen er zum Dank die Nasenspitze abgeschleckt hat. Etwas von Angelikas und meinem Chicken-Burger hat er auch abbekommen, der kleine Futtergeier. Als er an Angelikas Erdbeershake trinken wollte, war dann aber Schluss mit lustig.

Die Fahrt war angenehm und ruhig bis auf einmal ein stechender Geruch in unsere Nasen stieg, der mir die Tränen in die Augen trieb. Bei nächster Gelegenheit hielten wir an und mussten feststellen, dass der liebe Bobby das Autofahren so gar nicht vertrug. Dazu die Aufregung ... das war ihm wohl auf Magen und Darm geschlagen ... Ihr wisst, was ich meine ...

Allmählich näherten wir uns dem Ende der Reise, das aus der Übergabe der Hunde an die neuen Besitzer besteht.

Foxi stieg kurz hinter der österreichischen Grenze aus. Ich habe das Gefühl, dass er einen Glücksgriff mit seinen Menschen getan hat. Da wird alles gut werden.

Bei der nächsten Übergabe kam das Gesangsduo Bodza und Boróka und die liebe Nózi an den Mann und die Frau. Bodza sprang ihrem neuen Frauchen geradezu in die Arme. Frauchen fands süß und damit war auch die Sache gegessen.

Der nächste Stopp war Kassel. Meine Endstation. Der schüchterne Mex wurde sehnsüchtig erwartet. Lieber Mex, trau dich nur, deine Leute sind wirklich nett. Sites hat ihre Leute ganz schnell für sich entdeckt, und so wackelte das kräftige Mädchen nach einem halben Stündchen ganz selbstverständlich zum Auto, als wäre sie bereits auf der Hinfahrt mit dabei gewesen. Alles Liebe du süße Maus. Ich werde mich immer an dich erinnern, denn du bist der erste Hund, den ich vermittelt habe und das auch noch auf meiner ersten Fahrt.

Tja, und dann habe ich Dodi in die Arme seiner neuen Besitzer übergeben. Mann, bin ich froh, dass die so nett waren, denn der Dodi und ich haben uns auf der langen Fahrt mächtig angefreundet. Für den hätte ich mich glatt über die Wünsche meines Mannes hinweg gesetzt. Schade eigentlich, dass deine Leute so nett waren, kleiner Burger-Geier.

Blieb nur noch Gyöngyi zu übergeben, die in Orosháza so freudig eingestiegen war .... aber niemand war da, der sie wollte. Wir konnten es alle nicht glauben und sind zunächst davon ausgegangen, dass etwas passiert sein musste. War aber nicht. Man hat Gyöngyi einfach im Stich gelassen, wie schon so oft in ihrem Leben. Dodis Leute erklärten sich ganz unkompliziert bereit, sie mitzunehmen bis zum nächsten Tag, an dem sie dann von einer Spontan-Pflegestelle abgeholt werden sollte. Und jetzt halten Sie sich fest...das neue Herrchen von Dodi war so begeistert von Gyöngyi, dass er seine Schwester gefragt hat, ob sie sie nicht haben möchte. Und halten Sie sich noch mehr fest. Sie hat sie genommen. Mein Glaube an die Menschheit ist somit wieder hergestellt. Ist das eine wilde Geschichte für die erste Reise, oder?

An dieser Stelle endet der Reisebericht. Ich hätte die restlichen Hunde gerne bis an ihren Bestimmungsort begleitet, aber in Kassel trennten sich nun unsere Wege. Aber von Angelika weiß ich, dass es noch viele schöne Übergaben gab.

Wenn ich in der Vergangenheit einen Reiseberichte zu Ende gelesen hatte, habe ich immer gedacht: Schade, ich hätte gerne noch viel viel mehr über die einzelnen Hunde erfahren. Deshalb hänge ich jetzt noch ein paar Geschichten über die Hauptakteure des Tierheims an, in der Hoffnung, dass Sie das auch so sehen.

Ich könnte dutzende Geschichten erzählen, aber wir möchten natürlich noch ein wenig Server-Speicherkapazität für andere Dinge frei lassen. Deshalb müssen Sie sich leider mit einer kleinen, ganz subjektiven Auswahl begnügen. Vorausgesetzt, Sie haben nach diesem Mammut-Reisebericht überhaupt noch Lust dazu...

 

Die Halbstarken

Schon von außen hört und sieht man sie. Ihr Zwinger ist ganz am Anfang des Tierheimgeländes und sie haben die Straße sehr genau im Blick. Eine Horde Halbstarker begrüßt uns beim Eintreten. Ich erkenne sie auch direkt, denn Borda und Bébi sind unverwechselbar schön.

Auch Luca habe ich erkannt, eine zierliche schwarze Schönheit. Ich soll für Kai schauen, wie sie sich gemacht hat. Hat sich gut gemacht. Kommt freudig an das Gitter und drückt mir ihre dicke Nase entgegen.
253Bébis Nase hatte auf den alten Fotos diesen rosa Streifen ... jetzt ist sie aber etwas älter und hat eine sehr erwachsene Nase, ganz schwarz und sehr ladylike. Sie sieht meiner verstorbenen Hündin so ähnlich, dass es mir einen leichten Stich ins Herz versetzt. Besonders wenn ich daran denke, wie agil und bewegungsfreudig meine Kira damals war. Rennen, toben, spielen ... den ganzen Tag. Davon können diese jungen Hunde nur träumen. Man merkt ihnen ihren unterdrückten Bewegungsdrang an, denn sie toben übermütig durch den Zwinger, um so auf sich aufmerksam zu machen. Bébi drückt sich gegen das Gitter und grinst dabei über alle Backen.
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Die Chancenlosen

Ich habe, wo ich da so vor der lieben Bébi hocke, das Gefühl, als würde mich jemand ansehen. Ich drehe mich nach rechts und sehe .... kurzer Blick auf das Schild ... Hera.
bilder435Sie steht nur da, macht nichts. Ich drehe mich zu ihr um und fordere sie auf, zu mir zu kommen. Sie glaubt nicht, dass sie gemeint ist, ist keine Aufmerksamkeit gewohnt. Dann kommt sie ... sie sieht mich ununterbrochen an. Ich stecke meine Hand durch das Gitter und sie legt ihr kleines Köpfchen ganz schwer in meine Hand ... und sieht mich aus diesen rehbraunen Augen an. Ich höre, wie es in mir drin einen kleinen Knacks gibt ... mir ist soeben das Herz gebrochen. Ich möchte Hera aus dem Käfig holen und sie den Rest ihres Lebens beschützen. Sie mitnehmen, sie lieb haben. Ihre Augen bohren sich geradezu in meine Seele.

Zuhause bekomme ich ihren Fragebogen, denn sie war bisher noch gar nicht auf unserer Seite, obwohl sie schon drei Jahre im Tierheim ist. Sie wurde immer übersehen und vergessen. Im Fragebogen steht, dass sie eine der Chancenlosen ist ... ich weiß, welche Hunde damit gemeint sind. Die mittelgroßen schwarzen mit dem kurzen Fell. Davon gibt es eine Menge im Tierheim, einer ist netter als der andere. Hera gehört eben auch dazu. Die Ungarn mögen diese Hunde nicht. Sie sind halt nichts besonderes, glauben sie. Ich kann das nicht bestätigen ... Heras Ausstrahlung ist so groß wie ihr Name.

Ich muss irgendwann mal weiter und verlasse Hera. Ich fühle mich schlecht. Ihre Augen brennen kleine Löcher in meinen Rücken. Und tatsächlich, als ich mich umsehe, steht sie ganz ruhig da und beobachtet mich. Ich sehe mich nicht mehr um, kann den Ausdruck in ihren Augen nicht ertragen. Auch auf dem Rückweg gehe ich nicht mehr bei ihr vorbei, ich kann einfach nicht. Gut für mich, dass ich mir aussuchen kann, wohin ich gehe. Hera kann das nicht. Ob sie wohl auf mich gewartet hat?

 

Die Hausgeister

Wenn man das Tierheimgelände betritt, wuseln einem sofort die kleinen Hausgeister um die Beine. Eine ganze Truppe kleiner und größerer Hündchen, die uns ganz eifrig auf Schritt und Tritt verfolgen.
bilder098Einer davon fällt mir sofort auf. Tilla.
193Wie süß ist der denn. Wenn er bei uns in Deutschland im Tierheim säße, wäre er keine Stunde dort. Sie würden ihn uns aus den Händen reißen. Gott bist du niedlich. Angelika erzählt mir, dass sie auch schon überlegt hat, ihn zu nehmen, aber er ist ein kleiner Junge. Sie kann nur noch ein Mädel aufnehmen. Aber du bist so entzückend. Ich hocke mich hin, um einen Hund zu fotografieren. Tilla stellt seine Vorderfüßchen auf meinen Oberschenkel (das schafft er gerade mal so) und reckt sich meinem Gesicht entgegen, damit ich auf ihn aufmerksam werde. Ich falle in einen Zuckerschock vor entzücken. Fieberhaft überlege ich, ob mein T-Shirt wohl weit genug ist, um den Zwerg darunter zu verstecken und raus zu schmuggeln ... nicht albern sein ... denk an die Worte deines Mannes. Das fällt mir in diesem Moment wirklich schwer und ich suche nach Erklärungen für meinen Mann, warum ich Tilla mitgebracht habe ... mein Hirn ist durch den Zuckerschock vernebelt und mir will nichts einfallen. Ich gebe es auf.

Döme läuft mir über die Füße. Er ist ein kleiner, total netter Cocker, der ganz emsig zu jedermann läuft, um zu checken, ob noch was zu futtern für ihn abfällt.
211Er ist so unbedarft, wie er da rumsaust. Hoffentlich wirst du bald vermittelt, bevor der Tierheimalltag dir diese Unbedarftheit austreibt.

Da ist auch Pepe. Ich erkenne sie sofort. Kerstin nennt sie „Rehlein". Und so ist sie auch.
bilder200Rehlein hätte es fast nach Deutschland geschafft. Leider sind ihre Leute wegen einer Formalie abgesprungen. Wenn sie sie nur jetzt sehen könnten, wie sanft und freundlich sie ist. Manchmal hat sie einen Anflug von Schüchternheit, was sie so verletzlich macht. Ganz entzückend ist sie. Obwohl sie eher unscheinbar ist, hinterlässt sie einen tiefen Eindruck bei mir. Für das Rehlein würde ich mich über alle Formalitäten der Welt hinweg setzen. Sie ist es wert.

 

Die Unikate

Im nächsten Hof des Tierheims treffe ich auf Csikoska. Leute! Freunde des Besonderen! Wie könnt ihr euch diesen Kerl nur durch die Lappen gehen lassen?
039Er ist einzigartig. Ein Rassehund, zugegebenermaßen der einzige seiner Rasse. Ich hab so was wie ihn noch nie gesehen. Unverwechselbar. Wenn ihr den an der Leine habt, werdet ihr mit jedem, der euch begegnet, ins Gespräch kommen. Ihr könnt dann sagen „das ist ein ungarischer DugaDo (Erklärung: Durchs ganze Dorf)" und jeder wird es euch glauben und zuhause erst mal nach dieser tollen Rasse googeln. Dazu ist er wie ein Fels in der Brandung, in sich ruhend und völlig gelassen ... ein bisschen dick ist er und man sollte Spaß am Kämmen haben, denn er hat wahnsinnig dickes Fell. So sind sie halt, die DugaDos.

Sein Hofkumpel Alex, das Schäfchen, läuft hinter Kerstin und Angelika her.
081Der sieht viel hübscher und jünger aus als auf seinen Fotos. Und wie nett der ist. Ich bin immer sehr froh, wenn große Hunde wie er so nett sind ... bin ne echte Bangbüx.

Wenn der mal beim Frisör war, wird er prächtig aussehen, mit seinen ganzen Löckchen. Mit dem kann man richtig Ehre einlegen, glaub ich.

 

Die Veränderten

Cigo wollte ich unbedingt besuchen. Ich habe den Text seiner Vermittlungsseite gelesen und er tat mir so Leid. Ich habe ihn auch sofort erkannt. Ein Bild von einem Hund. Und er kommt auch direkt zum Gitter gelaufen, als er mich sieht. Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Cigo ist wirklich aufgeschlossen und interessiert. Er scheint sich ganz wohl zu fühlen, dort in seinem engen Gefängnis. Was hast du wohl erlebt, dass du das dort als besser empfindest als das, was du vorher hattest? Ich möchte es mir nicht vorstellen.
070Meggi habe ich natürlich auch gesehen, denn sie gehört zu meinen Vermittlungshunden. Zu ihr brauch ich nicht viel zu sagen, nur ein Wort: Feger. Mann, von Schüchternheit keine Spur mehr. Sie ist eine ganz temperamentvolle Dame, die keine Lust mehr hat, sich zu verstecken. Sie bringt kurzfristig das ganze Tierheim in Aufruhr, weil Icus sie aus ihrem Zwinger raus lässt und Meggi wie ein wild gewordener Handfeger über das Gelände rast. Wow. Was für eine Power. Sie schaut ganz bedröppelt als sie merkt, dass das nur ein kurzes Vergnügen war und sie nach ein paar Minuten wieder weg gesperrt wird. Die braucht dringend ein Zuhause, in dem man was mit ihr macht!
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Die Unscheinbaren

Turbo hatte ich gar nicht auf dem Schirm ... wollte eigentlich mal den hübschen Zsivany besuchen. Aber Turbo meint, dass ich mich zuerst mal mit ihr beschäftigen sollte. Sie klettert den Zaun mit allen Vieren bestimmt einen Meter nach oben und quetscht sich so fest dagegen, dass ich befürchte, sie kommt auf der anderen Seite in Scheibchen wieder raus. Sie gibt alles für eine Streicheleinheit. Sie kuschelt und schnurrt wie ein Kätzchen während sie da so am Zaun hängt. Kerstin erzählt mir später, dass sie Pfeffer im Hintern hat. Wie schön, eine Kuscheltante mit Düsenantrieb. Ich mag ja vielschichtige Hunde.
bilder196Ihr Kumpel Zsivany wartet während Turbos Auftritt ganz ruhig neben ihr bis er an der Reihe ist, gestreichelt zu werden. Er hat so intelligente Augen. Wir sehen uns an und ich muss laut lachen. Sein Gesichtsausdruck wirkt so nachsichtig und scheint zu sagen „die kleine Turbo...die ist halt so...die kann nicht anders".
bilder179Zwei so nette Hunde, die wahrscheinlich ihr Leben im Tierheim beenden werden, weil sie nichts Besonderes haben, zumindest nichts Äußerliches. Aber ich habe sie getroffen und weiß jetzt, dass sie ganz Besonders sind. Ich würde es lieber nicht wissen, denn nun muss ich immer daran denken, und mir Gedanken über ihr verschwendetes Leben im Tierheim machen.

 

Die Imposanten

Hatte sie gar nicht gesehen, denn sie lag in einer hellen Ecke....in einer großen hellen Ecke...und sie füllt diese Ecke ganz aus. So lerne ich also auch Timi kennen, ein Dame, die zwei edle Herdenschutzhunderassen in sich vereint.
089Sie steht auf und holt sich ihr Leckerchen ab. In aller Ruhe. Mann, hat die eine schöne Ausstrahlung. Sie wird umgeben von dieser Aura, die nur Herdenschutzhunde haben (habe auch einen zuhause). Ich muss denken, dass man bei Timi sicher viel ehrlichen und ursprünglichen Hund für sein Geld bekommt, wenn man sich an die Regeln der Herdenschutzhundehaltung hält. Ich wünsche ihr, dass sie bald ein Heim findet, denn Tierheime sind so gar nicht der richtige Aufenthaltsort für diese Hunde.

Kerstin sagt mir, sie möchte mir den Schwan zeigen. Schwan? Ja, denn Hattyú heißt übersetzt Schwan. Sie ist auch so schön wie ein Schwan. Ein großer eben. Sie kuschelt mit Kerstin durch das Gitter.
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Man erreicht sie nur an der Schnauze. Ich muss schlucken, denn Hattyú schmachtet Kerstin so an. Will mehr als nur an der Schnauze berührt werden. Warum sitzt so ein bildschöner Flokati wie du so lange im Tierheim? Du bist doch alles, was die Leute so gerne mögen: lieb, sanft, verspielt, hell und puschelig. Ich verstehe es nicht. Kerstin auch nicht.

 

Die Verlorenen

Ich möchte jetzt die endgültig letzte Geschichte erzählen. Ich habe mir das hier für den Schluss aufbewahrt, weil ich möchte, dass Sie es gut in Erinnerung behalten, weil ich möchte, dass Sie es überall erzählen...weil ich sonst nicht weiß, was ich tun könnte ...

Und wenn sich der ein oder andere gefragt hat, wann fängt sie denn endlich an zu heulen ... jetzt! Ich habe über die Gesellen, über die ich jetzt schreiben werde, viele Tränen vergossen und es werden bestimmt noch viele kommen. Für die, von denen ich Ihnen jetzt erzählen möchte, kommt nichts mehr, nur der Tod.

Den ersten der bedauernswerten Gestalten, die ich gesehen habe, war Cupák. Ein mittelgroßer, alter, verhungerter, schwarzer Hund. Er hat ganz trübe Augen, die ihm mit Sicherheit nicht mehr viel Sehkraft schenken. Als Cupák gemerkt hat, dass ich vor seinem Gehege hocke, kommt er an und ich kann seinen hübschen Kopf mit den Knopfäugelchen genauer sehen, der wie der Kopf eines Steiff Plüschtieres aussieht. Ich musste denken, dass er wahrscheinlich ein ganz allerliebster Welpe war und alle vor Entzücken „oh wie süß" gerufen haben. Das dürfte lange her sein ... Cupák ist noch nicht lange im Tierheim und hat sicher in seinem Leben wenig Gutes erfahren. Als er merkt, dass ich durch die Gitter hindurch nicht mehr Kontakt mit ihm aufnehmen kann, als seine Nase zu berühren, geht er und setzt seine einsamen Runden durch das Gehege fort. Der erwartet nichts mehr vom Leben ...
109Ich gehe weiter und stoße schon bald auf Füge.
046Füge ist sehr entzückt, dass jemand vorbei kommt. Er quetscht sich mit allem, was er hat, gegen das Gitter um ein bisschen Streichel abzubekommen. Er ist schon länger im Tierheim und auch nicht mehr taufrisch. Dazu kommt, dass er ein Terrier-Mix ist. Füge nun schaut mich aus seinen verklebten Äuglein ganz hoffnungsvoll an ... wie, kleiner Hund, kannst du noch so viel Hoffnung haben? Lesen Sie sich doch mal Füges Geschichte auf seiner Vermittlungsseite durch. Die meisten, die durchgemacht hätten, was Füge durchgemacht hat, egal ob Hund oder Mensch, wären daran zerbrochen, hätten aufgegeben. Nicht aber Füge. Er gibt die Hoffnung nicht auf. Wartet auf seine Chance, will endlich geliebt werden, will Rasen unter seinen Pfötchen spüren. Das wird aber nicht passieren. Und es bricht mir das Herz, zu sehen, wie er sich ranschmeißt, wie er bittet, wie er bettelt, nach Streicheleinheiten und Aufmerksamkeit. Ich sehe ihn, wie er über die Wiesen flitzt, wie er Mäuse ausbuddelt, wie er ein geliebtes Familienmitglied ist ... aber nur in meinen Träumen. Füge, bitte gib die Hoffnung auf. Für dich wird es kein besseres Leben geben. Weil du bist, was du bist. Es ist kaum zu ertragen, wie sehr du mich anschmachtest. Selbst jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, muss ich so sehr weinen, dass die Tastatur vor meinen Augen verschwimmt. Ich muss mich von deinem Gehege abwenden. Ich kann es nicht länger ertragen. Es tut mir Leid Füge...

Ich drehe mich um und entdecke Laci.
071Gut, den wollte ich sowieso besuchen, denn er hält den traurigen Rekord, der längste Tierheiminsasse zu sein. Er sieht schlimmer aus, als ich gedacht habe. Er ist alt und dünn und ihm ist egal, dass ich da bin. Er kommt zwar an, aber er nimmt keinen wirklichen Kontakt auf. Wozu auch. Er hat die Erfahrung gemacht, dass das zu nichts führt. 9 Jahre sind die Leute gekommen und gegangen ... ohne dass sich für ihn etwas geändert hätte. Meine Anwesenheit macht ihn unruhig. Immer wieder stupst er seine Zellengenossin an. Angelika kommt und verteilt Leckerchen. Dadurch kommt er zur Ruhe. Er zieht sich zurück und beginnt, die Pansenstange zu zerknabbern. Er genießt. Das ist gut so, denn für einen wie ihn gibt es keine anderen Höhepunkte im Tierheim. Und jetzt muss er wieder 6 Wochen warten, bis er diese 5 Minuten erleben darf. 6 Wochen, bis der nächste Fahrer vor seinem Gitter steht und ihm diese erbärmliche Kaustange gibt, die ihm 5 Minuten Glückseligkeit beschert. Liebe Fahrer der nächsten Tour, bitte überseht ihn beim nächsten Mal nicht aus Versehen. Er hat nichts anderes in seinem Leben. Ich bin froh, dass Kerstin mich ruft, schlucke ein paar Mal, wische an meinen Augen rum und gehe.

Leider hat Kerstin keine schöne Aufgabe für mich. Sie möchte mir nun Piktor zeigen, die nach Laci am längsten im Tierheim ist. Ich hab sie schon mal auf Bildern gesehen und schon da nicht verstanden, warum niemand sie möchte. Sie ist ganz hübsch, ein bisschen schüchtern zwar, aber handlich und sie hat schöne große Häschenohren. Was ich allerdings nun zu sehen bekomme, schockiert mich zutiefst. Piktor ist bis auf die Knochen abgemagert. Ihre Hüfte steht vor und man sieht jede einzelne Rippe. Kerstin und Angelika beraten sich. Man ist sich einig, dass Piktor bei der letzten Fahrt so nicht ausgesehen hat. Ich mache noch schnell ein paar Bilder und dann wird sie abtransportiert zur Krankenstation. Armes Mädchen. Ich bleibe hilflos zurück uns starre in ihr nun leeres Gehege. Kommt sie noch mal dorthin zurück? Zurück in die Leere und Einsamkeit, Hitze und Kälte. Das hat sie schon die letzten 8 Jahre gehabt? Verdammt....
122Ich bitte Sie, die mir bis hierhin gefolgt sind, nun inständig...sprecht über die armen Seelen, die ich euch vorgestellt habe: Cupák, Füge, Laci und Piktor. Erzählt allen davon, schaut euch für sie nach einer schöneren Zukunft um.

Das kann nicht funktionieren, denken Sie jetzt? Die können sich nicht mehr umgewöhnen. Sind versaut. Sind schon zu lange im Tierheim ... ich weiß aber, dass es funktionieren kann ...

... und warum ich weiß, dass das funktionieren kann? Weil ich vor fast 2 Jahren einen Hund zu mir geholt habe, der mit Sicherheit in diesem Kapitel Erwähnung gefunden hätte, wenn er im Tierheim geblieben wäre. Er war, als ich ihn ausgesucht habe, bereits 8 Jahre dort, alt, kaputt, einsam, hoffnungslos. Heute ist er noch älter, fit (für einen 13-jährigen) und ein liebenswerter, manchmal etwas verschrobener Senior, der sein Leben sichtlich genießt ... daher weiß ich das. Man darf keine Erwartungen an diese Hunde haben. Man muss sich überraschen lassen. Dann klappt es.

Denken Sie bitte einmal darüber nach und erzählen Sie einfach jedem von den verlorenen Seelen ... es sollen ja schon Zeichen und Wunder geschehen sein.

Nicole Halfenberg aus dem Pusztahunde-Team

 
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