"Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt".
(Rainer M. Rilke)

Mein Mann verabschiedete mich zu meiner 2. Tierheim-Fahrt mit den Worten (der ein oder andere ahnt es schon): „Fahr vorsichtig, ich hab dich lieb und bring bloß keinen neuen Hund mit." Als ob er das immer sagen müsste ... als ob ich darüber auch nur nachdenken würde ...ich. Obwohl ... nachdem mein alter Cesi nun leider vor ein paar Wochen verstorben ist ... und schon hörte ich mich die Worte sagen: „Vielleicht so eine kleine alte Fußhupe. Die nimmt ja nicht viel Platz ein ... und fressen tun die auch nicht viel." „Du musst jetzt los, sonst kommst du zu spät zur Arbeit!" Ach ja. Richtig. Arbeiten. Und so machte ich mich ein wenig enttäuscht auf in Richtung Düsseldorf, um den Tag mit unproduktivem Tun und Warten auf die endgültige Abreise zu vertrödeln. Ich habe noch ein paar wichtige Unterlagen wie Reiseliste, Schildchen für die Transportboxen, Wunschlisten von Teamkollegen etc. ausgedruckt, die ich mitnehmen wollte. Hab vor lauter Aufregung natürlich alles liegen gelassen.

Da Düsseldorf schon deutlich näher an Kassel ist als mein Zuhause, bin ich nach der Arbeit gleich zu Erika gefahren, die 1 Stunde von Kassel entfernt wohnt. Erika hat mich lecker bekocht und abends bin ich dann satt und gut unterhalten von ihr und ihrem Mann Werner zur Raststätte Kassel Ost gefahren worden, wo kurz darauf auch Angelika und Horst eintrafen. Die Unterlagen, die ich schon in Düsseldorf vergessen hatte, habe ich bei Erika neu ausgedruckt ... und liegen gelassen. Tai Gin Seng!

Die Fahrt gen Ungarn verlief dann aber problemlos, wenngleich wir immer das Thermometer im Auge behielten, da wir befürchteten, dass sich der permanente Regen bei zu sehr fallenden Temperaturen in Glatteis verwandeln könnte.

Unterwegs luden wir noch jede Menge Spenden von Familie Reuhl ein, die immer ganz vorne mit dabei sind, wenn es ums Helfen geht. Auch unser Team-Mitglied Michel trafen wir. Er brachte säckeweise Spenden, fuhr dann den langen Weg heim, um ein oder zwei Stunden später wieder zur Arbeit zu fahren. Hattest bestimmt einen müden Tag, lieber Michel.

Auch der restliche Weg lief gut und sogar meine fette jährliche Mandelentzündung ließ sich mit einem Spray im Zaum halten, das mir meine Kollegin gegeben hatte, die von Hause aus Apothekerin ist. Ich persönlich glaube ja bis heute, dass dieses Zeug sich wahrscheinlich eher dazu eignet, um gezerrte Muskeln wieder flott zu bekommen, als es sich in den Hals zu sprühen, geschmacklich gesehen. Aber wenn etwas gut funktioniert, soll man sich ja nicht groß beklagen. Und so kamen wir ohne Zwischenfälle am nächsten Vormittag bei Kerstin und Fritz im kalten Ungarn an, wärmten uns die Füße am gemütlich warmen Kachelofen und brachen schließlich mit Kerstin im Gepäck in Richtung Tierheim Kiskunfélegyháza auf.

Dort angekommen luden wir Spenden aus, die dankbar angenommen wurden. Wir haben auch neue und alte Hunde-Bekannte gesehen und versucht, vernünftige Fotos zu machen.
bild-1Bei dieser Gelegenheit habe ich etwas Interessantes gelernt. Nämlich, dass die Ungarn gerne ihre Hunde nennen wie Lebensmittel. So habe ich die Hunde Kaffee kennen gelernt, den Quark und das Johannisbeerchen, wenn man denn die Namen ins Deutsche übersetzt. In Orosháza gibt es aktuell das Zückerchen, die Salzstange und auf einer Pflegestelle die Sellerie. Wir hatten sogar mal eine Bratwurst. Sachen gibt's ...

Von Kiskunfélegyháza aus fuhren wir in die Pension, haben noch eine 2000-Kalorien Pizza mit dreifach Käse gegessen und sind dann wie betäubt ins Bett gefallen. Ob von der Pizza oder dem Schlafentzug ... man weiß es nicht.

Der Freitag war wie immer für das Tierheim Orosháza und die Pflegestation von Robi und Edit reserviert. Mit langen Unterhosen, doppelt Pullover und Mützen ausgerüstet sind wir aufgebrochen.

Und dann war alles wie ein Déjà vu. Die Truppe Hausgeister kam uns entgegen geschossen. Auf der rechten Seite im Zwinger die ewige Sitzenbleiberin Vivi, auf der anderen Seite das Gehege für das aktuelle junge Gemüse, die Muki-Family.
bild-2Viele neue Gesichtchen, viele altbekannte. Viele traurige und hoffnungslose, viele muntere und hoffende.

Kerstin und Angelika mussten viele Dinge besprechen, so dass Horst sich einen Futterbeutel schnappte, der ihn schlagartig zur beliebtesten Person im ganzen Tierheim machte. Ich nahm mir die Kamera, um Fotoaufträge von Teamkollegen abzuarbeiten. Vielleicht haben Sie ja Lust, mich auf unserer Tierheimrunde zu begleiten?
bild-horstDie kleinen Hausgeister sind, bis auf ein paar wenige, ausgetauscht. Das heißt, einige von denen, die früher im 1. Hof frei rumwuselten, sind vermittelt, manche sitzen wohl gerade hinter Gittern, neue sind dazu gekommen. Allen voran Nusi. Die kleine Maus sticht mit ihrem hellen Fell aus der Bande schwarzfelliger ganz deutlich hervor. Sie fährt morgen mit nach Deutschland. Nusi ist hinter den Leckereien her, wie der Teufel hinter der lieben Seele. Ich höre Horst nach einer Weile sagen: Jetzt hör mal auf, allen die Leckerchen zu stibitzen, du brichst uns morgen noch den Transporter voll. Horst soll leider Recht behalten. Nusi wird bei dieser Tour die Rolle der Kotzliesel übernehmen.

Die kleinen schwarzen Schönheiten Szellö und Szikra fallen mir auf. Sie sind wunderschöne, freundliche Hündchen. Sie mögen auch gerne was von den Leckereien abbekommen, sind dabei aber deutlich erträglicher als Nusi, die Klette.
bild-3Und noch eine stille Maus fällt mir auf. Csusza, die ehemals Scheue, die kein bisschen scheu mehr ist. Sie erobert mich mit ihrer zurückhaltenden Art im Sturm. Steht da und wartet ganz lieb, bis sie was zu naschen bekommt und lässt sich gerne unterm Schnäuzchen krabbeln. Bei meinem letzten Besuch war sie schüchtern und verhuscht. Davon keine Spur mehr. Nicht das letzte Mal an diesem Tag denke ich, wie schlecht es solche Hunde wohl gehabt haben müssen, um an einem Ort wie diesem dann endlich aufzublühen.
bild-4Der sich einstellende Frust verstärkt sich noch, als ich Vivi besuche. Sie ist fast ihr ganzes Leben im Tierheim. Darüber hat sie mittlerweile ein graues Köpfchen bekommen. Sie lebt schon länger mit Fityisz zusammen, doch der reist morgen mit uns nach Deutschland. Bei der letzten Tour wurde ihr ihr langjähriger Kumpel Gyopi weg genommen, der jetzt glücklich in der Eifel lebt. Nur sie bleibt und bleibt und bleibt wo sie ist. Wie schade für das nette Mädchen. Sie entspricht vielleicht nicht so dem üblichen Schönheitsideal, aber es muss doch auch Menschen geben, die tiefer blicken. Sie hat ein schönes Herz. Das muss doch auch was wert sein.
bild-5Ich brauche mal was Positives zwischendurch und so bitte ich Horst, mit seinen Leckerchen den Weg zum neuen Zwinger einzuschlagen. Der ist sehr schön geworden und die meisten Hunde, die das Glück haben, dort zu wohnen, fühlen sich sichtlich wohl. Sie haben eine Rückzugsmöglichkeit, aber auch ein Gehege, wo sie mal ein paar Meter laufen können.

Mein kleiner alter Pamacs wohnt jetzt im ganz äußeren Gehege. Er war fast sein ganzes Leben mutterseelenalleine in einem alten Haus eingesperrt. Man hat ihn beim Auszug einfach da gelassen. Er schaut mit seinen großen Kulleraugen munter in die Welt und ist darauf bedacht, Horst mit eben jenen Augen zu hypnotisieren, damit genügend Leckereien zu ihm gelangen. Das funktioniert auch ganz gut.
bild-6Wir gehen weiter und entdecken viele alte Bekannte. Tesó (Bild links) z.B. Sie steht vorne und wartet ganz ruhig auf ihren Anteil. Sie lebt mit dem friedlichen Carlos zusammen. In ihrem alten Gehege hat Tesó sich nicht wirklich getraut, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Jetzt aber schon, was mich sehr freut, denn sie ist so eine liebe Maus. Leider gehört sie nicht den gängigen Hunden an, und so werde ich sie wahrscheinlich für immer und ewig dort begrüßen müssen.
bild-7Wir gehen weiter und treffen die Familie Gomez. Das sind 3 kleine schwarze Hündchen, von denen einer eben Gomez heißt. Sie sind superhübsch. Beim letzten Mal, noch im alten Gehege, konnte ich sie nicht erkennen, denn sie haben sich in die Ecken ihres dunklen Verlieses gedrückt, ohne Chance auf frische Luft und Sonne. Kerstin erzählt mir nachher, dass sie total aufleben, seitdem sie im neuen Gehege wohnen. Das alleine ist doch schon die ganze Mühe und das ganze Geld, das so ein Neubau macht und kostet, wert. Wir haben die Lebenssituation zumindest dieser Hunde deutlich verbessert. Das macht mich echt froh.
bild-8Ich gehe ein paar Schritte zurück, um einem etwas moppeligen Hundemädchen Hallo zu sagen, die ich schon die ganze Zeit aus den Augenwinkeln beobachte. Sie sitzt wie angenagelt im Auslauf. Man sieht aber, dass sie alles ganz genau beobachtet. Ich erfahre, dass das Keszeg ist, die halb verhungert ins Tierheim kam. Hat ganz gut aufgeholt, was ich aber auch nachvollziehen kann, wenn sie vorher immer nur Mangel erlitten hat. Sie fixiert mich mit ihren Augen so, dass ich mich gezwungen sehe, zu ihr in das Gehege zu gehen und sie zu streicheln. Eigentlich frage ich immer vorher, ob das auch in Ordnung ist, denn natürlich toleriert nicht jeder Hund einen Fremden bei sich. Hier habe ich aber keinerlei Angst, dass etwas passieren könnte. Ich knie mich runter und schwupps ... ist es passiert. Ich bin verliebt. Hoffnungslos ... rettungslos. Die kleine Schnecke kriecht förmlich in mich rein. Wir machen Kampfkuscheln, bis jemand ruft, dass wir langsam weiter müssen. Sehr schade. Ich glaube, Keszeg findet es auch schade. Ich gehe. Aber in Gedanken werde ich oft bei dir sein, das weiß ich jetzt schon. Als ich mich noch mal nach ihr umsehe, zeigt die Süße, dass sie es drauf hat, trotz ein paar Pfündchen zu viel auf den Rippen. Sie regt sich nämlich gerade über den Gehege-Nachbarn auf und flitzt am Zaun auf und ab wie ein Kugelblitz. Alles wackelt an ihr. Gott, ist die niiiiiiiiiiedlich. Ich bin in dieser Sekunde ein wenig böse mit meinem Mann ...
bild-9Wir wenden uns in Richtung „Schweinekoben", ein dunkles Etwas, der als Quarantänestation für die neuen Hunde genutzt wird. Schön ist anders. Dort sehe ich dann auch Hédi, meine neueste Vermittlungshündin, das erste Mal. Dünn soll sie sein. Das ist aber echt untertrieben. Mager ist der bessere Ausdruck. Als Welpe vermittelt sitzt sie jetzt hier, weil sie den Leuten zu groß geworden ist. Groß ist relativ, denke ich, denn das zierliche Mäuschen reicht mir nicht mal bis zum Knie. Sie ist die perfekte Miniaturausgabe eines Rottis. Wir unterhalten uns nachher im Hotel über die Hunde. Und obwohl wir alle einen ganz unterschiedlichen Hundegeschmack haben, finden wir die kleine Hédi alle schön, und dass, obwohl sie noch so klapperig ist. Etwas später schreibt mein Mann mir eine SMS, ob ich denn auch mal nach Hédi gesehen hätte, die wäre ja so entzückend! Wir haben zuhause noch nie über Hédi gesprochen, denn sie ist ja erst ganz neu im Tierheim. Ich registriere positiv, dass bei der Stückzahl unserer Hunde offensichtlich doch noch nicht das letzte Wort gesprochen ist.
bild-10Wir marschieren weiter und kommen an Hamu (Bild links) vorbei. Er ist bildschön. Hat cremefarbenes Fell, Augen, wie mit einem Kajalstift eingerandet. Leider ist er schüchtern, denn sonst wäre er bestimmt schon vermittelt, dieser Traumhund. Seine Bilder auf unserer Homepage werden ihm in keiner Weise gerecht.
bild-11Ich gehe vorbei an Elza, die sich vor lauter Aufregung gar nicht mehr einkriegt und alles tut, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich möchte Bilder von ihr machen, aber sie hält nicht still. Horst wirft ihr Lecker rein und sie ist überglücklich und ich kann doch noch eine Aufnahme machen. Noch so ein wunderschöner Hund mit diesem Fell, als würde es von der untergehenden Sonne geküsst. Ich seufze. Welche Verschwendung.
bild-12Da ist auch der elegante Bob.
bild-13a-bobSeine Schwester Besszi habe ich auch eben schon gesehen.
bild-13-bessieBob ist sehr hübsch, wie er da porzellanpuppenähnlich geschmeidig sitzt. Er macht einen sportlichen Eindruck. Sport ist hier natürlich Utopie. Ihn möchte auch schon lange niemand haben, obwohl sein Bruder Zeusz es bereits vorgemacht hat, dass aus einem Langzeit-Insassen ein brauchbarer und beliebter Bürohund werden kann. Ich hab sogar schon Bilder von Zeusz auf dem Golfplatz gesehen. Was genau er dort getan hat, weiß ich allerdings nicht. Familienpotenzial ist also erwiesenermaßen vorhanden. Vielleicht entdeckt es ja mal jemand beim hübschen Bob.

Im nächsten Gehege treffe ich auf Mici (Bild links). Die habe ich schon beim letzten Mal gesehen aber doch nicht wahrgenommen. Warum bloß?? Sie ist überaus entzückend. Sie möchte kuscheln und gestreichelt werden und sieht aus, als würde sie dabei lachen. Sie und ihr Kumpel Topi drücken sich vertrauensvoll ans Gitter. Ich muss weiter, denn ich habe erst eine handvoll Bilder gemacht und es stehen noch viele auf der Liste. Ich sehe mich noch ein paar Mal nach Mici um und immer fängt sie zu tanzen an, wenn sie es sieht. Ihr ganzes Hinterteil wackelt, wenn sie sich freut.
bild-14Ich seufze schon wieder. Die einen bildschön, die anderen Sahneschnittchen, aber niemand will sie. Zu groß, zu alt, zu schüchtern, zu unscheinbar. Wir wollen alle immer nur den perfekten Welpen, der uns von Anfang bis Ende begleitet, nie alt oder gebrechlich wird, aufgeschlossen ist und ohne Macken. Und schön muss er natürlich sein. Ich denke so bei mir, dass es gut ist, dass Hunde uns nicht nach solchen Kriterien aussuchen, denn sonst würden die meisten von uns Menschen wohl nie vermittelt werden.

Kurz bevor ich in den nächsten Hof über wechsle, treffe ich noch Böbe. Kuschelig, sozial, lieb, nett.... ich wiederhole mich andauernd. Aber auch für Böbe fallen mir keine anderen Adjektive ein als diese. Ein Jammer.
bild-15Im Hof 2 kommt mir die kleine Csámpi entgegen. Ganz munter und aufgeschlossen, das kleine Ömchen. Sie freut sich über mich, als würden wir uns jede Woche zum Kaffeeklatsch treffen. Sie ist so aufgeschlossen und liebebedürftig, dass es mir das Herz umdreht. Ich hocke mich auf den Boden und wir schmusen. Sie steckt ihren kleinen lockigen Kopf in meine dicke Jacke und lässt sich, wenigsten für diese wenigen Augenblicke, beschützen und herzen. Sie ist so freundlich und unwiderstehlich, dass jeder von uns sich mit ihr befasst und ihr die heißersehnten Streicheleinheiten gibt. Sie ist eine, die einen Menschen glücklich machen könnte. Man würde sich nie wieder einsam fühlen oder schlechte Laune haben. Ach Omi, ich hoffe für dich, auch wenn deine Uhr so laut tickt, dass es in meinen Ohren dröhnt.
bild-16Vor mir flitzen Nugát und Csokolade durch die Gegend. Da hat wohl jemand bei der Namensvergabe gerade eine strenge nachweihnachtliche Diät gemacht. Aber vielleicht vertue ich mich und sie haben ihre Namen bekommen, weil sie so süß sind. Was sie ohne Zweifel sind.

Nugát ist ein wenig verhuscht, aber sie kommt schon viel näher an uns Menschen heran, als noch beim letzten Mal. Sie möchte schon, aber sie traut sich nicht so ganz. Das Kind einer meiner Freundinnen hat Nugát für den Malwettbewerb gemalt. Die kleine Maus würde Nugát auch liebend gerne adoptieren und sagte mir, dass sie das tun wird, sobald sie eine eigene Wohnung hat. Nun ist das Mädel erst 8 und ich habe es nicht fertig gebracht, ihr zu erklären, dass es dann leider zu spät sein wird. Siehst du Nugát, ein Herz hast du schon erobert, irgendwann findet sich auch ein zweites. Ich wünsche dir das sehr.

Ich möchte Ropi besuchen. Beim letzten Mal saß sie in einem fürchterlichen Gehege, wo kaum Licht hinein fällt. Da geflickt, hier vernagelt, dort verbrettert. Ropi sitzt tatsächlich immer noch da. Auf 3 oder 4 Quadratmetern, zusammen mit Negro, beide noch nicht alt. Die beiden schauen mich erwartungsvoll an. Ich versuche an sie ran zu kommen, Ropi freut sich so sehr. Ich schaffe es nicht, denn es ist kein Durchkommen durch dieses Flickwerk. Es ist so düster da drin, so fürchterlich. Ich will wenigstens ein Bild machen, aber auch das gelingt mir nicht. Und Ropi freut sich und freut sich. Negro schaut mich aus großen erwartungsvollen Augen an. Ich kann machen, was ich will, es gelingt mir nicht, auch nur einen Finger hinein zu bringen. Die Hunde können nicht einmal raus schauen, weil alles so dicht geflickt wurde. Die Rückwand ist auch dicht und gewährt keinen Ausblick, denn dahinter beginnt schon der nächste Zwinger. Ropi gibt auf und geht in ihre Hütte. Ich bin den Tränen nahe.

Es ist nicht so, dass diese Hunde dort sitzen, weil man ihnen böses will. Es ist einfach nicht genug Platz im Tierheim und einer muss halt dort rein. Hölle.

Ganz realitätsfremd schwöre ich Ropi und Negro, dass sie das wunderschönste Gehege des ganzen Tierheims bekommen, wenn ich im Lotto gewinne. Sie werden dann frische Luft um sich rum haben, die Sonnenstrahlen genießen und etwas sehen können. In diesem imaginären Gehege bekommen sie einen großen Auslauf und einen warmen, abgetrennten Raum, wo sie geschützt die Nacht verbringen werden. Ich bin wütend.

Ich wende mich nach rechts und sehe Füge in einem ganz ähnlichen Gehege sitzen. Oh Gott. Ich befinde mich in den Slums des Tierheims. Füge. Er hatte ein Zuhause in Ungarn gefunden, aber weil er immer ausgebüxt ist, ist er wieder hier. Wen wunderts. Wenn man einen kleinen abenteuerlustigen Jagdterrier nicht beschäftigt, dann sucht er selber nach Abwechslung. Die er hier aber nun eindeutig auch nicht hat. Füge hat sich scheints nicht verändert. Er gibt nach wie vor alles, um beachtet zu werden. Gestreichelt zu werden. Das ist mir bei Ropi aufgrund der Bedingungen schon nicht gelungen. Beim ihm genauso wenig.

Meine Stimmung ist auf dem absoluten Nullpunkt angekommen. Ich möchte hier nur noch weg. Will das Tierheim verlassen. Bin jetzt stinkesauer auf mich selbst. Warum tue ich mir das an. Und während ich innerlich tobe, tropft die Erinnerung zurück in mein Hirn. Ich mache das hier, wegen folgenden Satzes: „Aber du kannst sie doch nicht alle retten."

Derjenige sagte es und setzte sich selbstgefällig nieder, um sich für gar nichts zu engagieren. Nicht für Menschen, nicht für Tiere, nicht für die Umwelt. So will ich nicht sein. Ich weiß wohl, dass man sie nicht alle retten kann, aber man kann ja mal irgendwo anfangen. Ich schaue in Richtung des neugebauten Geheges und das beruhigt mein aufgewühltes Gemüt.
bild-17Während ich runter fahre, bemerke ich ein Gesicht, dass eigentlich nur eine Mutter lieben kann. Hängende Augenlieder, Vorbiss, dadurch die Zunge etwas raus. Platte, knautschige Schnauze. Boxy. Ich fühle mich an den ersten Hund erinnert, den ich als Kind bewusst mit erlebt habe, den Boxer meiner Oma. Ich war damals Hin und Weg und bin es auch jetzt. Boxy ist toll. Sitzt ganz sanft am Gitter und schaut mich an. Dieses Gesicht. Einzigartig. Boxy rettet mir den Tag. Danke Kollege. Vielleicht können wir dich ja auch irgendwann mal retten. Ich gehe weiter.
bild-18Beim Weitergehen treffe ich auf Zwei, die ich persönlich für die tragischen Gestalten des Tierheims halte. Schmidt und Zozo. Sie haben und sind alles, was eigentlich gut zu vermitteln ist. Sie sind klein, hellbraun, zutraulich, lieb, freundlich, im besten Alter. Einer mit Schlappohren, der andere mit süßen Stehöhrchen (etwas Abwechslung muss sein). Zwei Dackelmix-Männlein. Aber sie sitzen jetzt schon seit Jahren hier mit ihrem superkurzen Fell und frieren sich durch die Winter. Hier ist nichts mit zu groß, zu schwarz, zu gefährlich. Warum also schaffen sie es nicht in ein schönes, warmes, freundliches Zuhause? Ich weiß es echt nicht. Ich kann mir das nur so erklären, dass es ihre Menschen irgendwo gibt, aber dass sie Schmidt und Zozo einfach noch nicht entdeckt haben. Ich möchte daher hier und jetzt das Projekt „Schmidt & Zozo" ins Leben rufen. Ziel des Projektes ist es, die beiden deutschlandweit bekannt zu machen. Und ich bitte euch darum, dabei zu helfen. Ihr müsst nicht viel tun, kopiert nur diese Links der beiden Jungs ...

Zozo:
http://www.projekt-pusztahunde.de/index.php?option=com_sobi2&sobi2Task=sobi2Details&catid=&sobi2Id=829&Itemid=59
bild-19Schmidt:
http://www.projekt-pusztahunde.de/index.php?option=com_sobi2&sobi2Task=sobi2Details&catid=&sobi2Id=174&Itemid=59
bild-20... und postet sie in Facebook. Twittert. Schickt e-Mails oder schreibt eine SMS. Hängt ihre Flyer aus oder erzählt Leuten einfach von ihnen. Es wäre doch gelacht, wenn wir die zwei halben Portionen nicht vermittelt bekämen.

Wenn es geschafft ist, bekommen die Zwei den fettesten Startseiten-Happy-End-Artikel aller Zeiten. Das verspreche ich. Wir müssen weiter.

Im Gehege auf der Ecke sitzen Dogica (siehe Bild) und Timi. Bei Dogicas Anblick werde ich ganz schwermütig. Er ist klapperig. Noch einen Winter wird er diese Schweinekälte wohl nicht durchhalten. Ich husche ganz schnell weiter und schalte kurzfristig meine Gedanken aus.
bild-21Ich werfe im Vorbeigehen einen sehnsüchtigen Blick auf die wunderschöne schwarze Mirci, die, genau wie ihr Kumpel Rex, hier sterben wird. Da haben wir es wieder ... zu groß, zu schwarz, zu sehr Schäferhund. Gut, dass meine Gedanken herunter gefahren sind.
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bild-23In der ganzen Zwingerreihe sehe ich bekannte Gesichter. Bei den kleinen und mittelgroßen Hunden tut sich in Bezug auf Vermittlung ja ab und an was, bei den großen Hunden eher selten. Ich sehe die liebe Bobó, den Zotti Tofi, den alten schwarzen Cupák der zwar etwas dicker geworden ist, aber immer noch den traurigsten Blick der Welt hat, den mittlerweile grauschnauzigen Bill, den Flokati Hattyú und so viele mehr, von denen ich auf Anhieb weiß, wer sie sind.
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Ich treffe Bogi, einen superfreundlichen und aufgeschlossenen Puli-Mix. Auch bei ihm weiß ich, dass er sobald da nicht wieder raus kommen wird. Obwohl er ein 6er im Lotto wäre, möchte ihn niemand. Er sieht nicht besonders aus, er hat kein besonderes Schicksal. Das macht ihn zu einem von vielen.

Ach, wenn ihr sie doch alle einmal in live erleben könntet. Ich schwöre euch, ihr könntet euch gar nicht entscheiden, wen von den anscheinend Unscheinbaren ihr nehmen solltet, weil sie so toll sind, wenn man ihnen gegenüber steht. Es bleibt die Hoffnung.

Der Tag im Tierheim endet, wir müssen weiter zu Robi. Als wir das Tierheim verlassen, senkt sich wieder diese schreckliche Stille über das Gelände. Ich hab drauf gewartet, hab mich ein wenig davor gefürchtet. Aber heute verstärkt sich das Gefühl der Hilflosigkeit bei mir noch, weil das Weinen eines einzigen Hundes zu uns herüber weht. Es ist Böbe, die leise ihr Lied der Einsamkeit singt. Sie kann sich mit ihrem Schicksal noch nicht abfinden. Ich mache schnell die Transportertür zu, damit ich sie nicht mehr höre.

Wir fahren zu Robi und Edit und werden wie immer freundlich und herzlich von Mensch und Tier begrüßt.

Mágnes schießt auf uns zu und belagert uns mit seiner Freundlichkeit. Er ist der größte Küsschengeber überhaupt. Leider kommt kein anderer Hund mehr zum Zuge und so wird er für ein paar Minuten weg gesperrt, was er so laut kommentiert, dass wir uns lieber mit ihm herum schlagen, als unsere Trommelfelle nachhaltig schädigen zu lassen. Er fährt morgen mit, na Prost Mahlzeit. Der hat vielleicht ein Organ. Aber ich tue ihm Unrecht, denn er fügt sich auf der Fahrt nach einer wunderschönen halbstündigen Gesangseinlage, gemeinsam mit Nusi, in sein Schicksal und schweigt die ganze Fahrt über.

Wir treffen Kaszkadör, das Dreibeinchen.

Er ist großartig. Und ich verliebe mich erneut. Wie kann man nur so nett sein. Und so lieb. Und so freundlich. Und so schmusig. Und so ... na gut, ich hör auf. Aber echt. Er ist der absolute Kracher. Ein Knaller. Der Traumhund schlechthin.
bild-29Noch drei Traumtypen kuscheln mit mir.

Mami
bild-30-mamiValletta
p1050042Tragacs
bild-31Die drei haben vieles gemeinsam, obwohl sie so unterschiedlich aussehen. Sie haben alle ein megahartes Schicksal hinter sich, sind trotz ihrer schlechten Erfahrungen die Schmusebacken schlechthin und sind trotzdem Sitzenbleiber. Ach könntet ihr sie nur selber erleben, wie liebebedürftig sie sind, wie sehr sie jemanden suchen, dem sie ihr Herz schenken können. Ich kann derjenige nicht sein, so sehr ich es mir auch wünsche. Die drei genießen trotzdem den Augenblick mit mir. Wie schön das ist. Ihr bekommt bestimmt noch eure Chance. Ich muss unbedingt dran denken, eine Extra-Anfrage beim Universum nur für euch drei einzureichen.

Wir werden mit Kuchen verwöhnt und müssen nach einiger Zeit auch schon weiter, denn das Abendessen mit unseren ungarischen Freunden steht noch auf dem Programm. Schließlich, nach einem angenehmen Abend, endet ein langer Tag.

Ich schlafe schlecht, denn die Abreise steht an. Wir fahren zuerst über die Holperpiste ins Tierheim, laden die Hunde ein, dann zu Robi, dann nach Kiskunfélegyháza. Da ist dann auch erst mal die Trockenlegung von der armen Nusi fällig, aus der sämtliche Flüssigkeiten heraus gekommen sind, die ihr kleiner Körper hergeben kann. Natürlich steht Nusis Box, wie könnte es auch anders sein, direkt hinter dem Fahrersitz. Ich sehe mich veranlasst, mein Halsspray zu zücken und wild durch die Gegend zu sprühen. Wie kann ein so kleiner Hund nur so stinken. Armes Hascherl. Die letzten Hunde steigen bei Kerstin ein, Kerstin steigt aus. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder, denn es hat mir auch diesmal viel Spaß mit dir, mit euch allen gemacht.

Bei beginnendem Schneefall und sinkenden Temperaturen arbeiten wir uns durch Ungarn durch. In Österreich beginnt es dann, heftig zu schneien und es wird immer kälter.

Wir übergeben den alten Matula aber dennoch pünktlich. Er wird freudigst und mit breitem österreichischem Akzent in Empfang genommen. Unsere Nordlichter Angelika und Horst verstehen nur Bahnhof, aber Kuchen und Kaffee sind eine universelle Sprache und so versteht man sich dann doch noch.
bild-kuchenDie Straßen werden immer schlechter, wir immer langsamer. „Macht doch mal die Heizung was höher, es ist ja eisig hier drin." Geht aber nicht. Die Heizung truddelt nur so vor sich hin und kommt gegen -8 bis -10 Grad nicht mehr an. Wir frieren. Die Scheiben vereisen. Unsere Füße sind nicht mehr spürbar. Wir packen uns Angelikas Decken und Kissen auf die Beine und frieren trotzdem. Die einsetzende Müdigkeit tut das ihre. Unsere Gehirne frieren buchstäblich ein.

Mágnes wird übergeben. Er freut sich. Wie sollte es auch anders sein. Du bist eine süße Frohnatur. Viel Spaß in deinem neuen Zuhause. Den wird er ohne Zweifel haben.

Wir verfahren uns, denn Körper und Geist sind erstarrt. Erika lotst uns wieder richtig.

An der nächsten Raststätte steigt Berti, die Bernhardiner-Hündin, aus. Laut Angelika, die noch schnell auf die Reiseliste linst. Bertis Leute sind zu Eisklumpen gefroren, weil sie vor lauter Aufregung, sie könnten den Transporter verpassen, im Auto gewartet haben. Wir sind 2 Stunden zu spät!! Angelika macht die Tür zu Bertis Box auf und will sie übergeben. Das Gesicht der Übernehmer hat mich im Nachhinein für mindestens ½ Stunde gewärmt. Blankes Entsetzen stand darin geschrieben. „Ihr habt den falschen Hund mitgebracht". Wie jetzt? Erst wollt ihr, dann wollt ihr nicht? Berti ist doch so nett. „Ja, aber wir kommen doch Csinszka abholen." Ooooooh. Angelika ist auf der Reiseliste nach unten verrutscht. Na, dann eben Csinszka, den süßen kleinen weißen Welpen. Auch gut. Die Übergabe ist herzzerreißend, denn Csinszka ist zuckersüß.

Wir düsen mit ungefähr 2,5 Stunden Verspätung nach Kassel. Dort wird Dundika übergeben, das tapfere blinde Mopsmädchen. Wir hatten sie unterwegs in Decken gehüllt, damit sie nicht friert. Süße Maus.

Lili steigt aus. Mutter und Sohn kommen sie abholen. Der Sohn strahlt über das ganze Gesicht. Ein schönes Gefühl.

Jambor wird abgeholt. Ist aber noch nicht die Übernehmerin, sondern eine Zwischentransport-Fahrerin. Wir hören nachher, dass für den großen Kerl alles prima läuft. Schön.

Und Huhu steigt auch aus. Die Maus hat uns unterwegs immer mal wieder gesanglich beglückt. Sie ist froh, die Box verlassen zu können. Auch sie wird erst eine Etappe von Petra mitgenommen und am nächsten Morgen von ihren Leuten abgeholt. Auch von dort erhalten wir positive Rückmeldung.

Und dann verzichtete sie weise auf den letzten Teil der Reise. Ich stieg also auch aus, wurde von Erika und ihrem Mann in Empfang genommen und zu den beiden nach Hause gebracht, wo ich mit einer Wärmflaschen versorgt noch ein paar Stunden geschlafen habe, bevor ich endgültig heim fuhr. Danke ihr beiden.

Angelika und Horst übergaben die restlichen Hunde, ganz zum Schluss die süße Nusi, die, die am meisten Probleme mit der Fahrt hatte, aber am längsten im Transporter saß. Murphys Law.

Und übrigens ... 5 Minuten vor Kassel fing die Heizung wieder an zu laufen. Na toll. Aber wenigsten sind Angelika und Horst nach einer Weile aufgetaut.

Hier endet mein Reisebericht. Bisschen lang geworden. Aber da er eh schon zu lang ist, möchte ich an dieser Stelle noch was loswerden.

Danke an diejenigen, die den Betrieb zuhause aufrecht erhalten, während man so durch die Lande gondelt.

Und danke auch ganz besonders an Fritz, der so besorgt war, dass den Hunden im eisigen Transporter nicht zu kalt wird. Seeeeehr lustig ;-)

Nicole Halfenberg vom Pusztahunde-Team

 
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