"Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt".
(Rainer M. Rilke)

Schon einige Tage vor der geplanten Abfahrt trafen wieder unzählige Pakete voller Spenden bei mir ein. Sorgsam wurde alles von mir im Transporter verstaut und die Vorfreude auf die bevorstehende Fahrt stieg.
Am Abend des 10. April erwartete ich meinen Teamkollegen Frank Müller mit seiner Frau Ramona. Gemeinsam wollten wir die lange Tour von Norddeutschland nach Ungarn und wieder zurück bewältigen.

Eigentlich ist es viel lustiger und unterhaltsamer, wenn man diese Tour zu dritt fährt, andererseits wusste ich auch, das würde sehr eng werden und spätestens ab Österreich würden mir Po und Beine schmerzen. Genau so war es dann auch! Unterwegs waren wir mit Familie Reuhl verabredet, mitten in der Nacht kamen sie zur Raststätte, um uns einen ganzen Anhänger voller Spenden zu übergeben. Wir können nur sagen: DANKE!

Danke, an alle lieben Spender, die jedes Mal dafür sorgen, dass wir nicht mit leerem Transporter fahren müssen.

Zum Glück gab es keinen Stau und so kamen wir am späten Vormittag in Ungarn an.
Nach einer Kaffeepause bei Fritz und Kerstin ging es dann auch schon weiter zum Tierheim Kiskunfélegyháza. Darauf war ich schon sehr gespannt, denn bisher musste ich mit den Erzählungen der Teammitglieder Vorliebe nehmen. Das Tierheim ist im Gegensatz zu dem in Orosháza sehr klein. Kaum waren wir auf den Hof gefahren, kamen uns auch schon die ehrenamtlichen Mitarbeiter und die Tierheim-Leiterin Erzsike begrüßen. Alles wirkte sehr liebevoll angelegt und auch gepflegt. Auch hier wird mit ganz viel Herzblut und Engagement gearbeitet.
Sofort fingen wir an, einige Spenden auszuladen. Vor allem Decken, Bettwäsche, Körbe und Futter. Hier, wie auch in den meisten Tierheimen in Ungarn, werden Brot- und Essensreste gefüttert.
Zunächst mussten wir die „Aufträge“ unserer Teamkollegen abarbeiten. Viele Vermittler haben Fragen zu ihren Schützlingen und/oder brauchen aktuelle Bilder und Videos.

Als wir durch das Tierheim gingen, da fiel uns auf, dass hier eine ganze Menge in Eigenregie gebaut wird. Leider gehen dabei immer wieder die Mittel aus. So z.B. war ein Gebäude halb fertig und wäre wahrscheinlich sehr gut als Krankenstation für frisch operierte und kastrierte Hunde geeignet. Vielleicht können wir dabei Hilfestellung geben und somit auch im Winter die so enorm wichtigen Kastrationen durchführen.
Dieses Projekt hatte ich gleich auf meiner To-Do-Liste vermerkt.

Es war schon spät geworden und wir machten uns auf den Weg in unser Hotel, denn schließlich wollten wir noch essen, duschen und uns mit der Tierheimleitung aus Orosháza treffen. Es gibt immer so viel zu besprechen und der Freitag ist einfach zu kurz dafür. So redeten und redeten wir, kontrollierten die Impfpässe der reisenden Hunde, bis wir dann endlich gegen Mitternacht in unsere Betten fielen.

Die Nacht war kurz. Ein sehr pflichtbewußter Hahn ließ es sich nicht nehmen, ab 5:00 Uhr zu krähen, bis er heiser war. Etliche Versuche wieder einzuschlafen scheiterten kläglich. Der Hahn gab einfach keine Ruhe.

Nach einem guten Frühstück starteten wir durch zum Tierheim. Der letzte Kilometer „Buckelpiste“ zum Tierheim war schon immer eine Bedrohung für jedes Traggelenk, aber was wir dieses Mal vorfanden nach dem Winter spottete jeder Beschreibung. Zeitweise hatten wir Angst, der Transporter könnte kippen. Jeder Fußgänger hätte uns bei unserer Geschwindigkeit locker überholen können. Mehr ging einfach nicht!

Am Tierheim angekommen wurden wir mit dem üblichen, so vertrauten, ohrenbetäubenden Gebell begrüßt. Wir fuhren auf das Gelände und luden die Spenden aus. Einige der Hunde sprangen sofort in den Transporter und wir hatten große Mühe, sie davon zu überzeugen, noch einen Tag zu warten.Gerade Bencze war kaum mehr dazu zu bewegen, wieder auszusteigen.

Wie immer fingen wir damit an, die Liste abzuarbeiten. Wir filmten, fotografierten und katalogisierten. Die Zeit rannte uns mal wieder davon und wir beschlossen uns aufzuteilen, damit wir alles abarbeiten konnten. Wir schmiedeten neue Pläne, damit einige marode Gehege erneuert werden können (mehr dazu gibt es demnächst unter den „Projekten“ nachzulesen).

Mir fiel ins Auge, dass viele der Hundehütten total zernagt und in einem schrecklichen Zustand waren. Und das, obwohl sie kaum älter als zwei Jahre sind.
Vor einiger Zeit hatte der Verein aus diesem Grund nach einer Alternative gesucht und zwei Hütten zur Probe anfertigen lassen. Diese Hütten werden in Ungarn gefertigt und sind aus Kunststoff, haben einen gedämmten Hohlraum und bekommen vom Hersteller 10 Jahre Garantie. Wir alle waren begeistert von diesen Hütten und ich machte wieder einen Vermerk auf meiner To-Do-Liste. Eines unserer nächsten Projekte muss unbedingt die Anschaffung dieser robusten Hundehütten sein.

Am Nachmittag brachen wir dann auf, denn wir wollten noch Robi, Edit und ihre Pflegestation besuchen.

Leider warten auch hier viel zu viele tolle Hunde auf ein neues Zuhause. Und ich habe mich – mal wieder in einen Ungarn – verliebt!
Da war er plötzlich. Klein, jung, viel zu kurze Beine, aber mit einem umwerfenden Charme: FICKÓ

Was auch immer dieser tolle Kerl erlebt hat, soviel Schlechtes kann nicht dabei gewesen sein. Er hat so ein Urvertrauen in die Menschen. Selten habe ich einen derart jungen Hund erlebt, der so unglaublich anschmiegsam und verschmust ist. Ich hätte ihn so gerne einfach mitgenommen ... endlich mal einen unkomplizierten Hund ... aber dann siegte doch wieder die Vernunft.

Lieber Fickó,
ich bin mir ganz sicher, dass auch deine Menschen irgendwo warten und das werden ganz besondere Menschen sein. So besonders wie auch du.

Am nächsten Morgen (nach einer weiteren kurzen Nacht ;-) ) waren wir pünktlich um 9:30 Uhr im Tierheim und verluden die reisenden Hunde. Hier muss immer alles ganz schnell gehen, denn der Streßpegel sollte für die Hunde möglichst niedrig bleiben. Wir fuhren noch zu Robi und Edit, denn auch hier sollten noch Hunde zusteigen. Der Abschied stand wieder einmal unter dem Motto: Sandsturm. Es wehten wieder viele Sandkörner in die Augen ...

Nun ging es los Richtung Deutschland und wieder begleitete uns dieses ganz besondere Gefühl. Ein Gefühl der Hoffnung und Zuversicht. Zuversicht, dass für alle reisenden Hunde ein wunderschönes neues Leben beginnt und die Hoffnung, gemeinsam für die Zurückbleibenden ihre Lebensbedingungen weiter zu verbessern.

Monika Weigel


 

 
Template by i-cons.ch / namibia-forum.ch