"Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt".
(Rainer M. Rilke)

Premiere! Nun ist es also soweit, ich werde zum ersten Mal einen Spendentransport nach Ungarn begleiten! Es ist nicht mehr lange hin, und Angelika und Horst werden hier eintreffen, um nach einer kleinen Stärkung mich mit an Bord nach Ungarn zu nehmen. Die Aufregung und Nervosität steigt, werde ich die anstrengende Fahrt im Transporter überstehen, wird mein Rücken das alles mitmachen? So sehr ich mich auch auf Ungarn freue, zwischendurch bekomme ich immer wieder Angst vor der eigenen Courage, finde mich dann aber absolut albern, schließlich fahren meine Team-Kollegen etliche Male im Jahr eine viel längere Strecke als ich.

Die Zeit schreitet voran, so gegen Mitternacht wollen die Beiden hier im Süden sein. Die letzten Stunden vergehen wie im Flug und für Nervosität bleibt dann doch keine Zeit mehr, da eine tolle Anfrage für den kleinen Snapsz noch reinkommt, gleich mit der Frage, ob er bei diesem Transport noch mitkommen könne. Also muss telefoniert, eine Mail nach der anderen geschrieben werden. Bald kommt aus Ungarn die Nachricht, er sei reisefertig, also muss der Rest für eine Übernahme auch erledigt werden.

Dank der Mithilfe mehrerer Teammitglieder habe ich dann auch alles noch rechtzeitig geschafft, Snapsz darf mit uns mitfahren. Sein zukünftiges Frauchen haben wir damit sicher glücklich gemacht! Also ist die Wartezeit ganz schnell um, und irgendwann stehen Angelika und Horst vor der Tür.
Nach einer heißen Suppe und einem kräftigen Kaffee haben wir uns von meinem Mann verabschiedet, das Thema, dass ich bitte keinen weiteren Hund aus Ungarn mitbringen solle, hatten wir bereits ein paar Tage zuvor erörtert.

Nun wird es also ernst, es geht wirklich los! Leider hat es inzwischen angefangen zu regnen und das geht auch die ganze Nacht so weiter. Ich, die abends immer rechtzeitig ins Bett muss, kann mir nicht vorstellen, wie es ist, eine ganze Nacht durch zu fahren, ohne eine Minute Schlaf zu bekommen. Aber es hat funktioniert, und pünktlich zum Sonnenaufgang jenseits der österreichisch-ungarischen Grenze hört es auch auf zu regnen. Der Sonnenaufgang ist dann ein richtiger Kick, er ist wunderschön, und so werden wir von einem herrlichen Tagesbeginn in Ungarn begrüßt!

Die Frühaufsteher unter unseren Teammitgliedern rufen nun an, um zu hören, ob alles problemlos läuft. Kurze Zeit später darf ich das Steuer des Transporters übernehmen. Das Wetter wird immer schöner, leider müssen wir kurz bevor wir bei Kerstin eintreffen, auf Grund eines Unfalls, eine ganze Weile im Stau stehen. Aber wir sind gut bei Kerstin angekommen und werden gleich mit Getränken und wunderbarem Gebäck verwöhnt.

Nach einer kurzen Verschnaufpause geht es mit Kerstin an Bord weiter ins Tierheim Kiskunfélegyháza. Ich kenne es von unzähligen Bildern und doch ist es etwas ganz anderes, wenn man es mit eigenen Augen sieht. Wir werden freundlich von Erzsike begrüßt und laden die vielen Spenden aus. Anschließend macht sie mit uns einen Rundgang durchs Tierheim und ich sehe zum ersten Mal "live" meine bzw. unsere Hunde, die wir in der Vermittlung haben.

Auch wenn ich das Tierheim bislang nur von Bildern kenne, der Eindruck, dass dort alles super ordentlich und sauber ist, bestätigt sich. Da dieses Tierheim sehr klein ist und nicht viele Hunde dort Platz haben, gibt es noch die angeschlossene Tötung, die ich nun auch zum ersten Mal anschauen kann. Das Wort Tötung jagt einem Schauer über den Rücken, aber diese Tötung ist nicht mehr "aktiv", sobald ein Platz im Tierheim frei wird, darf ein Hund umziehen. Die Hunde in der Tötung werden ebenfalls gechipt und zumindest die Rüden auch kastriert, diese Ausgabe würde niemals getätigt, wenn man mit den Hunden andere Pläne hätte, als sie zu vermitteln!

Wir verabschieden uns, und es geht weiter Richtung Orosháza, ins Hotel. Die liebe Judit ist zur Begrüßung gekommen, mit einem riesigen Paket Kuchen, schließlich sollen wir nicht vom Fleisch fallen!

Nachdem wir uns gestärkt haben, geht es wieder an die Arbeit, 28 Hunde sollen reisen, also müssen 28 Pässe kontrolliert werden, ob alles in Ordnung ist.

Nach getaner Arbeit und einem Schlummertrunk geht es ab ins Bett, schließlich wartet am nächsten Tag eine Menge an Arbeit auf uns!

Nach dem Frühstück geht es bei herrlichstem Wetter ins Tierheim Orosháza, wo Icus, Judit und die anderen Tierheimmitarbeiter bereits auf uns warten. Nach der herzlichen Begrüßung werden wieder einmal viele Spenden ausgeladen, es ist so toll, was da jedes Mal zusammen kommt, was so dringend gebraucht wird!

Und dann ist es soweit, wir gehen in das Tierheim und werden von einer Meute freilaufender Hunde begrüßt! Alle wollen sie gestreichelt werden, was ihnen natürlich auch nicht verwehrt wird! Sie sind alle so liebe und wunderschöne Hunde, vollkommen unverständlich, dass viele von ihnen schon seit so langer Zeit ein Zuhause suchen. Aber ich kann es irgendwie verstehen, schließlich habe ich schon viele Hunde inseriert, ihre tollen Eigenschaften beschrieben, ihre Bilder bearbeitet und in die Inserate eingesetzt, aber sie nun vor mir zu sehen, ihnen in ihre Gesichter zu schauen, zu sehen, wie sie einem an den Beinen "kleben", wenn sie aller vor lauter Freude permanent wedeln, das ist schon etwas ganz anderes. Hier erlebe ich, wie diese Hunde von unseren ungarischen Freunden geliebt und versorgt werden, meine anfängliche Befürchtung, es würden viele Tränen fließen, weil ich den Anblick von diesen vielen armen Kreaturen nicht ertragen kann, verfliegt ganz schnell!

Aber ich muss mich bald losreißen, denn der Bauunternehmer ist vorbeigekommen, er will mit uns die Arbeiten für die neuen Gehege besprechen. Es müssen ein paar vernünftige Veränderungen vorgenommen werden und er stellt uns in Aussicht, dass die Arbeiten wenigstens für das Betonfundament nach dem Wochenende beginnen werden, damit sie abgeschlossen sein werden können, bevor der Winter so richtig loslegen wird!

Anschließend müssen noch alle Wunschlisten für unsere Vermittler abgearbeitet werden, neue Bilder und Videos werden gemacht.

Natürlich muss ich mir auch die Krankenstation anschauen, wo unter den Wärmelampen frisch kastrierte bzw. operierte Hunde liegen. Was bin ich froh, dass es diese Krankenstation dank vieler Spenden gibt, genauso wie die Entwässerung und die neue Gehegereihe!

Dann muss ich auch einige meiner "Sorgenkinder" besuchen, ganz besonders Bizsu, die doch so sehr ein Zuhause verdient hätte. Leider verträgt sie sich so gar nicht mit Hündinnen und auch Rüden braucht sie nicht unbedingt an ihrer Seite, auch wenn sie mit ihrem Gehegekumpan Drazsé gut auskommt.

Die beiden rennen mich in ihrem Verlangen nach Streicheleinheiten einfach um, sie können beide nicht genug davon bekommen. Wie schön wäre es, wenn diese beiden älteren Semester endlich ein eigenes Zuhause bekämen, aber leider waren all unsere Bemühungen nicht von Erfolg gekrönt. Ich freue mich, dass es Zserbo so gut in ihrer neuen Unterkunft geht, dass sie seit einiger Zeit ein wenig mehr Auslauf hat, wenn sie schon nicht nach Deutschland vermittelt werden kann.

Kerstin und Angelika sind ganz begeistert von den Fortschritten einiger ängstlicher Hunde, dass Nugat sich nicht versteckt und Inga und Irma zu uns an den Zaun kommen.

Im Gehege dahinter ist der wunderschöne Barni, noch nie hat es auch nur eine einzige Anfrage gegeben, dabei ist er nicht nur ein wunderschöner, sondern auch ganz toller und lieber Hund!

Eigentlich ist es unfair nur einige wenige Hunde aufzuzählen, denn sie haben es doch alle verdient, in einem eigenen Zuhause zur Ruhe zu kommen und ein schönes Leben an der Seite ihrer Menschen zu führen!

Die Zeit vergeht wie im Fluge und wir müssen weiter zu Edit und Robi. Als erstes werden auch hier wieder Spenden ausgeladen. Danach ist Boxen aufbauen angesagt. 28 Hunde sollen gut in ihrem Zuhause ankommen, also müssen jede Menge Boxen aufgebaut werden.

Danach werden wir fürstlich bewirtet, und wir sind ganz schnell von flinken Vierbeinern belagert, die schwuppdiwupp auf dem Schoß sitzen, um den Kuchenstücken ein wenig näher zu kommen.

Zu den Hunden, die besser nicht auf den Schoß hüpfen sollten, gehört Valentin, der noch vor kurzer Zeit so schlimm aussah und nun dank der Pflege von Edit und Robi (und natürlich dank der Spenden seiner Paten) ein prachtvoller und wunderschöner Rüde ist.

Robi bringt einen kleinen Welpen, der inzwischen auch in unserer Vermittlung ist, die kleine Zora. Kerstin kann sich von der Süßen gar nicht losreißen, und so findet die Kleine ein warmes kuscheliges Plätzchen zum Schlafen bei Kerstin auf dem Arm.

Es wird langsam dunkel und damit Zeit für uns, wieder ins Hotel zurückzufahren. Nach dem netten gemeinsamen Abendessen schlendern wir durch die laue Nacht zurück ins Hotel.

Am nächsten Morgen heißt es dann früh aufstehen, nach dem Frühstück geht es wieder zurück ins Tierheim. Dort stehen alle bereit, um beim Einladen der Hunde in den Transporter zu helfen, vorher werden noch die Chipnummern der Hunde mit den eingetragenen Nummern im Impfpass verglichen, und dann beziehen die Hunde ihre Box für die Fahrt in ihr neues Zuhause.

Eine schnelle Umarmung und dann geht es weiter zur Pflegestation. Auch dort erwartet man uns, um die Hunde einzuladen. Alles läuft sehr routiniert ab, und der Transporter kann das nächste Tierheim anfahren. Die letzten Mitreisenden werden an Bord genommen bevor es wieder zu Kerstin geht, von der wir dann leider Abschied nehmen müssen. Und nun geht es ab auf die Autobahn Richtung Deutschland. Hinter Budapest steigt noch ein weiterer Hund zu, der auf einer Pflegestelle war, das Pflegefrauchen kann ihre Tränen nicht verbergen, als es heißt, für immer Abschied zu nehmen.

Auf der Rückfahrt haben wir mehr Glück mit dem Wetter, wir fahren in einen wunderschönen Sonnenuntergang hinein. Wir kommen ohne Staus und Behinderungen durch, und ehe wir uns versehen, erreichen wir die erste Übergabestelle. Zwei unserer Schützlinge werden schon sehnsüchtig erwartet, und ich darf zum ersten Mal eine Übergabe von dieser Seite aus erleben.

Es bleibt natürlich nicht viel Zeit und schon geht es weiter zur nächsten Raststätte, an der wieder zwei Hunde aussteigen dürfen und auch ich übergeben werde, meine erste Ungarnfahrt endet hier, mein Mann erwartet mich hier. Angelika und Horst fahren weiter mit einem Transporter voller toller und absolut braver Hunde, sie haben noch eine weite Strecke vor sich.

Nachdem ich den letzten Rest der Fahrt hinter mich gebracht habe, bin ich noch lange wach und muss von meinen Eindrücken erzählen.

Danke liebe Angelika und lieber Horst, dass ihr mich überredet habt, es doch einmal zu probieren, es hat sich gelohnt!

Iris Walter

P.S.: Leider hat das Glück von Snapsz in seinem neuen Zuhause nur ein paar Tage angehalten, da man wieder einmal zu viel innerhalb kürzester Zeit vom Hund erwartet hat, dabei brauchen unsere Neuankömmlinge doch vor allem eines: Geduld! Inzwischen hat der kleine Kerl aber ein neues Zuhause gefunden, in dem er sehr geliebt wird und alle Zeit der Welt hat, um richtig anzukommen !

 
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