"Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt".
(Rainer M. Rilke)

Es ist das Wochenende vor der Fahrt. Die Vorfreude und die Aufregung steigen kontinuierlich an. Meine Mitarbeiter und ich sortieren die eingegangenen Spenden und laden dann alles in den Transporter.

Am Mittwoch geht es wie immer nonstop los nach Ungarn. In der Mitte von Deutschland haben wir noch einen Spendenübergabetermin. Es ist erstaunlich, was so alles in einen Kombi passt! Jetzt randvoll beladen geht es weiter.

Nachdem der ganze Winter sehr mild verlaufen ist, sind die Temperaturen kurz vor der Fahrt in den Keller gefallen. Ab Bayern liegt Schnee, glücklicherweise sind die Straßen frei.

In Ungarn sitzen große Gruppen Hasen auf den verschneiten Feldern, das habe ich vorher noch nie so gesehen.

Nach 11:00 Uhr kommen wir bei Kerstin und Fritz an. Die Pause fällt viel kürzer aus wie üblich, weil wir an diesem Donnerstag noch viel zu erledigen haben. Wir haben schon um 13:00 Uhr im Tierheim Kiskunfélegyháza unseren ersten Termin.

Dort angekommen, packen Horst, Kerstin und ich zuerst die mitgebrachten Spenden aus.

Wir machen Fotos sowie Videos und holen die von den Vermittlern gewünschten Informationen ein. Danach kommt unser Rundgang durchs Tierheim und die sogenannte Tötung.

Man erzählt uns, dass, wenn alles klappt, die Tötung im März endlich vom Tierheim übernommen werden kann. Darauf haben wir alle schon lange hingearbeitet!

Wir müssen uns beeilen, denn um 15:00 Uhr sind wir in Orosháza mit Icus (Tierheimleiterin) verabredet. Wir wollen zur 16 km entfernten Tötung in Csorvás fahren. In den letzten Tagen war Icus immer wieder dort, hat Hunde herausgeholt und uns Fotos geschickt. Wir wollen uns selber ein Bild von den Zuständen machen. Im Wagen von Icus fährt Karin mit, eine Deutsche, die seit über 30 Jahren in Ungarn lebt. Karin hat sich als Übersetzerin zur Verfügung gestellt.

Zur Zeit sind 9 Hunde in der Tötung untergebracht. Die kleinen Zwinger sind mit Exkrementen verschmutzt und die Wasserbehältnisse sind mehr als unhygienisch! Wir packen unsere mitgebrachten Näpfe und 2 Futtersäcke aus und geben den Hunden frisches Wasser und Futter.

Ein sehr alter dünner Hund läuft kurz frei im Hof herum und räubert begeistert von unseren mitgebrachten Leckereien.

Sein Herrchen ist vor kurzem verstorben und die Verwandtschaft hat den armen Kerl in die Tötung gebracht. Icus hat den „Opi“ und 2 weitere kleine Hunde nach unserem Besuch mit ins Tierheim genommen.

Wir sind am nächsten Tag um 10:00 Uhr wieder in der Tötung verabredet. Schon auf dem Weg ins Hotel haben wir uns Gedanken darüber gemacht, wie wir mit dem vorhandenen Material einige Zwinger sicherer gestalten können. Die verwendeten Drahtmatten sind viel zu grobmaschig, da können die Hunde ihre Köpfe viel zu weit durchstecken und werden zum Teil schwer verletzt, vor allem kleinere Hunde auch tödlich. Auf vorhandenen Hütten ist kein Dach, weil die Hund sonst ein Sprungbrett in die angrenzenden Zwinger haben.

Im Hotel angekommen, bestellen wir die obligatorische Pizza. Während wir essen, kommt Robi und übergibt uns die EU-Ausweise und die Tracesliste. Da eine große Anzahl Hunde mitreist, haben wir sehr viel zu kontrollieren. Danach wollen wir nur noch ins Bett.

Am Freitag kommen außer Icus auch Judit und Krizstina mit in die Tötung. Am Treffpunkt erzählt uns Judit, dass Icus gerade einen Cockerspaniel, der auf der Straße herumlief, eingefangen hat (später konnte dieser Hund Dank eines implantierten Chips an seinen Besitzer zurückgegeben werden).
Obwohl sich jetzt nur 6 Hunde in der Tötung befinden, haben sich über Nacht 2 Hunde verletzt und bluten.

Wir fangen sofort an, ein paar Zwinger provisorisch sicherer herzurichten.

Wir haben um Kostenvoranschläge für folgende Verbesserungen gebeten:
- zwischen den Zwingern sollen Sichtschutzwände aus Blech angebracht werden, die bis an das Dach des Zwingers reichen
- an der vorderen Seite sollen stabile, kleinmaschige Zaunelemente angebracht werden
- auf die Hütten sollen Platten montiert werden
(auf die Kostenvoranschläge warten wir leider immer noch ..., trotz mehrfacher Nachfrage)

Auch am Freitag hat Icus wieder 1 kleinen Hund mit ins Tierheim genommen.

Um 11:30 Uhr sind wir endlich abfahrbereit zum Tierheim. Dort angekommen haben wir zuerst die Spenden ausgeladen. Die Futtersäcke für die Tötung haben wir in den kleinen alten Tierheim-Transporter von Icus geladen. Sie wird das Futter sackweise nach Csorvás bringen.

Danach haben wir die Kastrationslisten abgeglichen und alle offenen Fragen zu den Hunden abgearbeitet, so dass wir beim Rundgang durch das Tierheim "nur" noch die Fotos und Videos machen mussten.

Zuerst zog es mich aber zu den neuen Gehegen, nicht nur, weil ich mir die tollen Ausläufe genau ansehen wollte, sondern auch, weil dort mein Melak (jetzt heißt er Otto) untergebracht war.

Die Hunde fühlen sich sichtlich wohl in der neuen Anlage, das ist eine enorme Steigerung der Lebensqualität. Ich hoffe, das Pötty, Folti und Rudi durch den Umzug aus einer dunklen Ecke des Tierheimes hier endlich ihre Chance bekommen. Warum nur hat sich die ganzen Jahre niemand für sie interessiert?

4 Hunde haben mich dieses Mal sehr positiv überrascht:

Die kleine Rezgös, die in der winterfesten Zwingerreihe lebt, ist angekommen und hat sich von mir streicheln lassen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sie früher in ihrem Mini-Verschlag immer in der Hütte verschwunden ist, wenn man etwas näher kam.

Mirci und Lolka kamen an und haben Leckerlis aus der Hand genommen, das hat mich sehr berührt. Beide Hunde sind sonst immer in ihre Hütten geflüchtet und jetzt kommen sie an und das nicht nur einmal!

Die große alte Timi, die sonst immer nur ihre Ruhe haben wollte, kam sogar zum Kuscheln an, wie schön.

Im Hof 2, wo sich auch die Krankenstation befindet, haben wir viele alte Bekannte wiedergesehen, zum Beispiel Alex und Piktor.

Die Beaglemixhündin Pehely, die aus der Tötung von Csorvas stammt, fand unsere Leckereien unwiderstehlich und bediente sich selbst.

Diese 3 Hunde, Mercedes, Mery und Barni, stehen stehen seit Jahren erwartungsvoll an der Tür, wenn wir kommen. Wenigstens sind wir und die Leckerlis eine willkommene Abwechslung. Ob jemals einer von ihnen in den Transporter Richtung Deutschland steigen darf?

In diesem Hof befinden sich besonders viele kleine baufällige Ausläufe:

Da habe ich doch beinahe vergessen, die süße kleine schwarze Wuschelhündin Kamilla zu erwähnen. Als Welpe habe ich sie auf dem Arm gehabt, sie ist zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Mutter vor 2 Jahren ins Tierheim gekommen. Die beiden haben inzwischen ein schönes Zuhause bekommen, aber Kamilla hockt immer noch dort. Sie war so scheu geworden, dass man sie kaum auf ein Foto bekam und dieses Mal läuft sie hinter Horst her.

Als wir um 15:30 Uhr das Tierheim verlassen, sehen wir eine der 2 Katzen, die in der Nähe wohnen und die von Icus gefüttert werden.

So spät sind wir noch nie bei Robi und Edit angekommen. Mit vereinten Kräften bauen wir die Boxen auf und planen, in welcher Box die reisenden Hunde mitfahren sollen. An den Türen der Boxen sind Klarsichthüllen befestigt, dort hinein stecken wir die ausgedruckten Fotos der Hunde. Als wir fertig sind, gehen wir in die Pflegestation und bekommen Kaffee und leckeren Kuchen.

Sämtliche Hunde kommen an um gestreichelt zu werden und wir haben alle Hände voll zu tun, damit keiner zu kurz kommt. Dabei klären wir die offenen Fragen, Agi, die ab und zu mit hilft, kann etwas deutsch. Die Zeit vergeht wie im Fluge und wir müssen uns beeilen, ab ins Hotel. Die Dusche ist dringend nötig, wärmt auf und macht wieder munter.

Kurz vor 20:00 Uhr holt uns Judit ab und wir fahren dieses Mal in ein anderes Restaurant. Mit dabei bei unserem Arbeitsessen sind außerdem Krisztina, sowie Edit und Robi. Nach dem Essen fallen wir todmüde ins Bett.

Am Sonnabend sind wir pünktlich um 10:00 Uhr im Tierheim Orosháza und ein Hund nach dem anderen steigt, nachdem der Chip kontrolliert ist, das Spot on verabreicht und ein Halsband angepasst wurde, in den Sprinter.

Dann geht es weiter zu Robi und die nächsten Passagiere steigen zu. Hier brauchen wir nur die Chipnummern zu kontrollieren.

Die nächste Station ist das Tierheim Kiskunfélegyháza. Hier steigen auch 2 sehr ängstliche Hunde ein. Barka hat sicherheitshalber ein Geschirr und ein Halsband um, die Sachen hatten wir am Donnerstag schon dagelassen.

Eine weitere halbe Stunde später sind wir bei Kerstins Zuhause angekommen, für sie ist die Fahrt beendet, für uns beginnt sie jetzt erst richtig.

In der Höhe von Budapest steigt der letzte Hund zu und Kilometer um Kilometer kommen wir der ersten Übergabe näher.

Die Übergaben waren alle besonders schön, es hat gleich alles so richtig gut gepasst und dazu sind wir super verpflegt worden, dafür nochmal ganz herzlichen Dank.

Am Sonntag um 10.00 sind wir wieder in Süderbrarup. Das letzte Übergabefoto wird von mir und Melak/Otto gemacht.

Vielen Dank für Ihr Interesse und Ihre Unterstützung!

Angelika Winzer

 
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