"Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt".
(Rainer M. Rilke)

 

Dicke Damen, die Mukks und einige Erkenntnisse

Prolog
Nicht, dass Sie jetzt auf falsche Gedanken kommen. Mit dicken Damen sind nicht die Fahrerinnen gemeint. Meine Mitfahrerinnen sind alle gertenschlank. Gut … ich könnte das ein oder andere Pfündchen abnehmen. Aber so richtig schlimm ist es nicht um mich bestellt. Es könnte aber besser sein. Und wenn jetzt der Frühling … ach, diese Art von Infos wollen Sie hier gar nicht lesen? Das kann ich verstehen. Also zurück zu den Hunden.

Mit dicken Damen meine ich die etwas älteren, dicklichen bis ziemlich übergewichtigen Hundedamen, von denen wir diesmal erstaunlich viele an Bord hatten. Die Mädels, die alle male auffallend freundlich sind, haben keine Bewegung, hocken seit ewigen Zeiten im Tierheim und haben keinen Trost als Futter. Leider haben uns die körperlichen Attribute genau dieser Damen diesmal viele Schwierigkeiten bereitet. Aber irgendwie haben wir es dann doch hin bekommen und alle Hunde konnten ihren freudigen neuen Besitzern übergeben werden. Waren wirklich viele sehr sehr schöne Übergaben dabei.

Sie würden den Reisebericht lieber von Anfang an lesen und das mit den Übergaben zum Schluss? Und meine Art zu berichten macht Sie schwindlig? Das liegt daran, dass man nach so einer Fahrt auch wirklich schwindlig im Kopf ist. So viele Eindrücke. So viele Bilder. So viele Emotionen. Das muss alles raus. Aber natürlich haben Sie Recht. Es wird irgendwie übersichtlicher, wenn man am Anfang beginnt. Also gehen wir jetzt gemeinsam zum Beginn der Reise.

Die Hinfahrt
Die Nordlichter sind früh am Nachmittag gestartet, weil ein Zwischenstopp bei unserer Teamkollegin Iris in Bayern eingeplant ist. Von oben, wo Angelika und Monika wohnen, bis Bayern ist es schon eine ordentliche Strecke und ein warmes Süppchen kann man dann für die restlichen Stunden bis zur Ankunft gut gebrauchen. Wir kommen also mitten in der Nacht bei Iris und ihrem Mann Jürgen an. Der Tisch ist bereits gedeckt mit leckeren Sachen, das Süppchen wird aufgetischt. Löffel 1: lecker und warm. Löffel 2: angenehm scharf. Löffel 3: ziemlich scharf. Löffel 4: höllenscharf! Mir bricht der Schweiß aus. Was habt ihr da rein getan? Iris schaut Jürgen an. Jürgen sagt: „Nur ein bisschen Tabasco.“ Ein bisschen ist ja relativ. Und mir scheint, dass Jürgen relativ viel Tabasco verwendet hat. Jürgen sagt: „Iris hat bestimmt nicht richtig umgerührt.“ Iss klar! Ich bin geneigt, mir noch Löffel 5 zu Gemüte zu führen, weil die Suppe lecker ist. Aber meine Lippen brennen mittlerweile wie Feuer und so muss ich leider aufgeben. Monika und Angelika mögen scharfes Essen und schauen mich mitleidig an, während sie die Teller leer löffeln.

Während wir gemeinsam ein vergnügliches Mahl verbringen, bei dem es auch reichlich nicht-scharfe Dinge zu essen gibt, rufe ich plötzlich in die Runde: „Ich hab meinen Schuhbeutel nicht in den Transporter umgeladen“. Ich habe also nur meine Büroschuhe mit Absatz dabei, mit denen ich tags drauf durch das Tierheim stiefeln muss. Boah. Warum muss ich nur jedes Mal was vergessen? Liegt das am Alter? Iris weiß aber Rat und gibt mir ihre Hundeschuhe mit, die wie angegossen passen. Hier noch mal ganz herzlichen Dank dafür. Allerdings muss ich dir was beichten, Iris. Ich habe den Schnürsenkel des rechten Schuhs geschreddert. Hatte geplant, ihn dann zuhause gleich auszutauschen. Habe aber leider den Schuhbeutel auf der Rücktour im Transporter vergessen.

Erkenntnis: Scharf macht warm und ab einem bestimmten Alter sollte man sich vor, während und nach einer Reise eine Liste machen.

Wir kommen am Vormittag des nächsten Tages bei Kerstin und Fritz an, die uns mit lecker ungarischen Teilchen versorgen, bevor es, gemeinsam mit Kerstin, weiter nach Kiskunfélegyháza geht.

Im Tierheim Kiskunfélegyháza
Ich hatte mir vorgenommen, von allen meinen Vermittlungshunden, die noch keine Videos haben, welche zu machen. Was aus Zeitmangel nachher wieder nicht klappt. Und für diesen Zeitmangel ist die Tigerlili verantwortlich, die gleich im 1. Zwinger sitzt, in den ich auf der Suche nach meinen Hündchen hinein schaue.

Die Tigerlili heißt nicht Tigerlili, aber sie hat rötliches kurzes Fell und Streifen darauf wie ein Tiger. Warum ich so lange bei ihr hängen bleibe: weil sie einfach nur zuckersüß ist. Sie stellt sich am Zwinger auf und freut sich wie Bolle, dass jemand sie streichelt. Sie ist ganz weich und zutraulich und das kleine Schwänzchen steht nicht mehr still. Wir haben sie noch nicht in der Vermittlung, da sie ganz neu im Tierheim ist. Kerstin verspricht mir, dass ich sie einstellen darf, wenn der Fragebogen für sie kommt. Deswegen gehe ich in den Zwinger, um ein Video zu machen. Aber Tigerlili schert es überhaupt nicht, dass ich vernünftige Aufnahmen von ihr brauche, sie will schmusen. Sie klettert auf meinen Schoß und würde am liebsten in mich hinein kriechen. Sie fühlt sich an wie Samt. Angelika kommt dazu und beschmust sie, damit ich endlich das Video aufnehmen kann. Die Tigerlili fällt so gar nicht in mein Beuteschema. Ich finde die schwarzen mit den kurzen glatten Haaren und den langen Beinen am schönsten, egal ob groß oder klein. Aber ich möchte die kleine rötliche Maus mit ihren kurzen Beinchen einpacken und gegen jede Vernunft mit nach Hause nehmen. Ich kann mich überhaupt nicht mehr losreißen von ihr. Wie kommt das wohl, dass man auf einen Hund so heftig reagiert, obwohl er gar nicht den Wunschvorstellungen entspricht? Chemie? Persönlichkeit? Mutterinstinkt?

Monika macht im nächsten Zwinger genau die gleiche Erfahrung wie ich. Da hockt ein kleiner, kurzbeiniger Mudi-Mix, der Monika genauso gut findet wie sie ihn. Er darf raus aus dem Zwinger, damit ein Video von ihm gemacht werden kann. Er schmeißt sich auf die Seite und robbt an Monika heran. Zwängt sich zu ihr, bis kein Blatt Papier mehr dazwischen passt. Er freut sich und freut sich. Kampfschmusen im Zeitraffer, denn natürlich muss man nach allen Hunden schauen, Bilder machen, Videos drehen. Wir haben wenig Zeit. Zu schade.

Erkenntnis: Äußerlichkeiten sind Nebensache wenn die Chemie stimmt.

Der Abend des 1. Tages: endlich kommt unser Essen. Traditionellerweise ist es fettige Pizza. Aber ich finde diese Pizza irgendwie nicht so lecker und habe deshalb einen Salat bestellt. Man reicht mir ein winziges Schälchen und ich schwöre mir - unlecker hin oder her - beim nächsten Mal wird es wieder eine Pizza. Im Schälchen ist aber tatsächlich viel mehr drin als man meint und ich werde locker satt. Trotzdem schiebt Monika mir verstohlen ein Stück Pizza rüber. Obwohl ich satt bin, verspeise ich es.

Erkenntnis: In unserem Team muss niemand verhungern.

Wir gehen ins Bett und ich registriere erst wieder etwas, als ich am nächsten Morgen wach werde. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass ich erst 5 Minuten geschlafen habe. Aber stimmt nicht. Ein weiterer arbeitsreicher Tag liegt vor uns.

Im Tierheim Orosháza
Die Fahrt zum Tierheim ist grauenhaft. Die letzten 1000 Meter sind eine Buckelpiste vom Feinsten. Unsere Hunde, die in Orosháza einsteigen werden, tun mir jetzt schon Leid. Und während sie mir so Leid tun, wird mir schlecht. Die letzten 100 Meter zum Tierheim muss ich zu Fuß zurück legen, denn sonst wäre mein Frühstück sicher nicht bei mir geblieben.

Erst mal wird ausgeladen, unter den wachsamen Augen der Hunde, die sich am Zaun versammeln. Einer fällt mir auf. Es ist Macso, ein ganz junger Schnauzer-Mix. Sein Bruder ist vor einiger Zeit nach Deutschland gereist und kommt da richtig gut klar. Macso nun ist mit Abstand der traurigste Hund, den ich an diesem Tag treffen werde. Er trägt die Trauer der ganzen Welt in seinen Augen. Er ist nicht ängstlich oder macht auch keinen verstörten Eindruck. Er ist immer da, wo es Leckerchen gibt, versucht sie aber nicht zu nehmen oder stibitzt sich eins. Er wartet, bis man ihn sieht und nimmt dann die begehrte Leckerei ganz sanft und vorsichtig. Er möchte auch gerne gestreichelt werden, aber anders als viele der Junghunde, stupst er einen nicht an. Er ist zu bescheiden. Er wartet. Er ist mit allem zufrieden, was man ihm gibt. Später sehe ich ihn, wie er vor einem Gehege liegt. Der Insasse dieses Geheges mag nicht, dass er davor liegt. Er kläfft ihn ununterbrochen an. Aber Macso reagiert überhaupt nicht. Er liegt einfach ruhig und ein bisschen resigniert davor. Der arme Junge erwartet schon jetzt nichts mehr von der Welt. Ich bin schon bedient, bevor ich auch nur einen Schritt ins Tierheim setze.

Ein wirklich alter Opi wartet auch am Zaun. Irgendwie lustig sieht das aus, denn er wirkt wie der Erziehungsberechtigte unter den vielen jungen Hunden dort. Opi kam vor kurzem aus der Tötung und ist wirklich verfressen. Er ist klapperdürr und kann sich hinten gar nicht mehr gut auf den Beinen halten. Irgendwann kippt er um, was ihn aber nicht davon abhält, auch weiterhin nach den Leckerchen Ausschau zu halten, die er toll findet und wahrscheinlich noch nie in seinem Leben bekommen hat. Er ist in einem erbarmungswürdigen Zustand, aber man merkt, dass er leben möchte. Der ist noch nicht bereit zu gehen. So darf er nun noch die letzten Wochen oder Monate seines Lebens im Tierheim sein. Er bekommt genügend Essen, was für ihn das Wichtigste sein dürfte. Jeder, der an ihm vorbei geht, streichelt ihn über den Kopf. Mehr braucht er nicht. Opi kann nicht mehr nach Deutschland reisen. Das würde er körperlich nicht überstehen. Das macht aber auch nichts, weil er dort, wo er ist, glücklich ist. Irgendwann mache ich den Fehler, ihm unaufmerksam ein Leckerchen hin zu halten. Das sollte man bei Hunden, die nicht mehr gut sehen können, tunlichst vermeiden. Opi kann noch kräftig zubeißen, das kann ich Ihnen versichern.

Erkenntnis: Traurigkeit ist keine Frage des Alters.

Alle betreten die Krankenstation. Ich zum Schluss. Es ist voll. Auf der rechten Seite sehe ich unsere drei Chihuahuas das erste Mal in echt. Das sind drei izi-bizi-tini-wini-mini-Hündchen, die sich ganz eng aneinander quetschen in ihrem Körbchen und zittern, obwohl sie unter einer Wärmelampe liegen. Pigi, Ami und Mukk. Ausrangierte Zuchthunde, die nichts kennen von der Welt. Mukk hatte einen Schlag und hält seitdem den Kopf schief und seine Zunge hängt raus. Er ist so niedlich und so einzigartig, wie er mich aus seinen Glupschäugelchen ansieht. Und schon haben die drei Hündchen ihren Namen weg: die Mukks.

Ich kann nicht sehen, wer auf der linken Seite der Krankenstation, direkt gegenüber von den Mukks, untergebracht ist, weil ich nicht näher ran gehen kann vor lauter Menschen. Ich frage meine Team-Kolleginnen. Angelika antwortet: „Drei Chihuahuas“. Da ich ja von Angelikas Rechts-Links-Schwäche weiß, sage ich: „Nein. Da auf der anderen Seite“ und zeige zur Sicherheit mal nach links. Angelika und Monika sagen: „Drei Chihuahuas.“ Meine Herren. Versteht mich denn keiner??? Etwas lauter sage ich: „Ich meine die Box auf der LINKEN Seite.“ Angelika, Monika und Kerstin sagen im Chor: „Drei Chihuahuas“. Wollt ihr mich verarschen? Etwas erbost drängele ich mich durch die Leute und schiele in die linke Box. Was sehe ich da? Drei Chihuahuas.

Ich schaue hektisch nach rechts. Auch drei Chihuahuas, die Mukks. Sehe ich doppelt wegen des Schlafentzugs? Habe ich einen an der Waffel? Von allem nichts. Der „Züchter“ hat nur weiter ausgemistet und wieder sind drei Chihuahuas bei uns gelandet, die sich in ihrem Körbchen eng aneinander quetschen. Ich werde ausgelacht ob meiner Begriffsstutzigkeit … oh Chihuahua.

Erkenntnis: Ich sollte mir die Haare färben. Vielleicht liegt es ja doch daran, dass ich blond bin.

Irgendwann sehe ich ihn. Ich habe mich gefragt, wie er wohl live ist. Es ist noch besser, als ich gedacht habe. Er hat etwas sehr majestätisches, wie er durch das Gehege trabt. Seine langen Beine sind sehr raumgreifend und es ist eine Pracht, ihn zu beobachten und sich an seinem perfekten Körperbau zu erfreuen. Als ich ans Gehege trete ist er sofort da. Er schaut mich erwartungsvoll aus seinen klugen Augen an, lässt sich begeistert streicheln und nimmt ganz vorsichtig die Kaustange entgegen. Mann. Ein Prachtkerl! Den will ich haben. Bei mir zuhause. Ich gönne ihn niemandem sonst. Da hat Monika aber noch ein Wörtchen mit zu reden. Auch sie steht ganz verträumt vor dem Gehege und ist völlig begeistert von seiner Geschmeidigkeit. Wir diskutieren eine Weile, wer ihn bekommt, bis uns einfällt, dass keiner von uns einen Platz für ihn frei hat. Verdammt.

Nun möchten Sie wissen, über wen ich rede, richtig? Über Letra, den Doggenmix. Wenn Sie große schwarze Hunde mögen, können Sie sich den eigentlich nicht entgehen lassen.

Erkenntnis: Die Realität kann bisweilen besser sein als die Vorstellung davon.

Cuki lebt im Hof 2 in einer Hütte. Er ist nicht in irgendeinem Gehege, er kann sich frei bewegen. Aber das tut er nicht. Seine Hütte ist seine Welt. Er lebt in ihr, auf ihr und 2 Meter um sie herum. Cuki ist ein ganz süßer Kerl und lässt sich von mir ausgiebig kraulen, während er auf dem Dach seiner Hütte steht.

Als ich Icus, der Tierheimleiterin, sage, dass ich ihn toll finde, erzählt sie mir, dass Cuki schon mal in Ungarn vermittelt war. Ein paar Tage nach seinem Einzug riefen die Leute sie an und sagten ihr, dass Cuki weggelaufen sei. Suchen wollten sie ihn nicht. Weg ist weg. Icus fuhr also in das Dorf und begann, nach Cuki Ausschau zu halten. Sie fand ihn aber nicht und musste irgendwann aufgeben und fuhr nach Hause. Als sie schon ein Stück weg war, sah sie im Rückspiegel einen kleinen schwarzen Punkt, der sich auf sie zu bewegte. Sie hielt an und wartete. Irgendwann kam Cuki völlig entkräftet bei ihr an und ließ sich ins Auto heben. Er war der einzigen Person, die jemals nett zu ihm gewesen ist, die sich jemals um ihn gekümmert hat, nach gerannt. Hat alles gegeben, um in seine Heimat, seine Hütte, zurück zu kehren. Cuki ist ein wirklich schlaues Kerlchen, wie es mir scheint.

Erkenntnis: Niemand ist treuer als ein Hund.

Im gleichen Hof wie Cuki sitzt auch Csanad (Bild rechts).

Als er uns sieht, jammert er, was das Zeug hält. Er heult und singt und bellt und gibt stimmlich alles, um auf sich aufmerksam zu machen. Er ist ein wunderschöner Junge und einfach nur lieb. Er ist der Kumpel von Agi (links), die diesmal mitfährt. Mir bricht es das Herz, weil er so sehr nach Aufmerksamkeit bettelt. Als ich mich mit ihm beschäftige, ist er sofort ruhig und selig. Csanad hatte schon mal eine Interessentin aus Deutschland. Als sie aktuelle Bilder von ihm gesehen hat, war er ihr zu dick und sie ist abgesprungen.

Was denkt sich so ein Mensch eigentlich? Glaubt sie, dass das Tierheim ein Wellnesshotel ist, aus dem wir die Hunde fit, gepflegt, kerngesund und frisch frisiert nach Deutschland kutschieren? Nein. So ist es nicht. Obwohl in unseren Tierheimen niemand den Hunden etwas tut, ist das Leben dort trotzdem hart. Es ist einsam, brüllend-heiß, eisig-kalt, laut, aggressiv, feindlich, schmutzig, staubig, matschig, öde und vieles mehr.

Eigentlich bin ich ganz froh, dass Csanad nicht an so einen oberflächlichen Menschen geraten ist, denn er hat deutlich mehr zu bieten als nur sein gutes Aussehen. Er ist ein feiner Kerl und wird auf Leute warten, die das zu schätzen wissen. Und er wird seine Leute dann lieben, egal ob sie dick oder dünn sind, ob alt oder jung, hübsch oder hässlich.

Erkenntnis: Hunde wären eindeutig die besseren Menschen.

Ich habe mir geschworen, diesmal nichts über Füge zu schreiben. Nützt doch nichts. Er ist so oft Thema in Reiseberichten, er ist ein Notfall, wir haben ihn schon im Fernsehen vorgestellt. Und ... nichts. Niemand möchte einen Jagdterrier, obwohl er einen wirklich guten Charakter hat. Als ich Monika am Anfang der Reise fragte, wen sie mit nehmen würde aus dem Tierheim, sagte sie ohne Zögern: Füge. Er hat etwas, was einen packt. Man kann sich nicht dagegen wehren. Bei Menschen würde man es als Charisma oder Aura bezeichnen, denke ich. Nicht erklärbar eben. Ich werde also nicht über ihn sprechen, dachte ich. Und dann habe ich ihn gesehen. Der ganze Hund vom Köpfchen bis zum Stummelschwänzchen hat gewackelt. Er hat so gebettelt nach Liebe. Und war so zufrieden, als ich ihn mit einem Finger am Schnäuzchen gestreichelt habe, weil mehr nicht geht durch den geflickten Zaun. Es ist so traurig. Am liebsten würde ich stundenlang über ihn erzählen.

In der ganzen Ecke, wo Füge sitzt, sind traurige Gestalten untergebracht. Traurig deshalb, weil alle so viel Potenzial haben, was niemand erkennt. Nehmen wir mal Zeno (Bild rechts). Ein hellbrauner, kleiner, hübscher, pfiffiger und sehr menschenbezogener Mix-Mix, der mit dem blinden Morgo zusammen lebt. Beide sind sehr freundlich und scharf auf die Leckereien, die ihnen dargeboten werden. Aber beide warten, bis sie an der Reihe sind. Keinerlei Aggressionen.

Bei Morgo kann ich ja noch nachvollziehen, warum er ein Sitzenbleiber ist, denn er ist blind. Zwar kommen blinde Hunde sehr gut zurecht im Leben, aber man muss sich trauen, einen behinderten Hund zu haben. Aber Zeno? Er ist ganz ganz hübsch, was man vielleicht nicht so glauben mag, wenn man seine Bilder ansieht. Ein typischer Fall von nicht-fotogen. Er ist nett. Und sozial. Und einfach. Aber anstatt das Leben eines Menschen zu bereichern, versauert er hier im Tierheim. Er sitzt sage und schreibe seit 6 Jahren dort. Das ist eine solche Verschwendung, dass ich gar nicht darüber nachdenken mag.

Erkenntnis: Freundlichkeit bringt einen offensichtlich auch nicht immer weiter.

Neben Zeno sitzen Venusz und ihr Freund. Venusz ist eine schwarze Schönheit und sehr freundlich. Venusz lebt schon lange im Tierheim. Ihr Freund auch. Leider haben wir bisher keinen Fragebogen von ihnen bekommen, die beiden bleiben also ohne Gesicht. Von Venusz Freund kenne ich nicht mal den Namen. Damit bleiben sie auch ohne Chance auf Vermittlung. Bei Venusz weiß ich, warum sie immer wieder vergessen wird. Weil sie zu den „Chancenlosen“ gehört. Schwarz, kurzhaarig, mittelgroß. Nicht zu vermitteln, weil nichts Besonderes. Wenn man Venusz aber erlebt, denkt man unwillkürlich an das Lied: … She's got it, Yeah, baby, she's got it. Well, I'm your Venus, I'm your fire at your desire. Das Lied war ein Nr. 1 Hit in den USA und ich schwöre Ihnen, dass Venusz ein Nr. 1 Hit unter den Hunden ist. Sie hat es. Ich bleibe auf alle Fälle am Ball, was ihren Fragebogen und den ihres Kumpels angeht. Den ganzen Tag über summe ich immer wieder „She`s got it, oh Baby she`s got it“ … nur gelegentlich unterbrochen von „Oh Chihuahua“.

Als ich den Hof der unglücklichen Sitzenbleiber verlasse, kommt mir etwas Kleines entgegen gestürmt. Volle Fahrt voraus. Gesichtchen nach vorne gereckt, katapultiert Maszat sich in unsere Nähe. Maszat kann keine Sekunde still halten. Weil sie so auuuufgeregt ist und weil sie alles so toooooll findet. Und weil das Leben so schöööön ist. Sie düst rum wie der Kugelblitz. Roadrunner-mäßig. Sie möchten sich Leben ins Haus holen? Dann rufen Sie mich doch mal wegen Maszat an. Ich glaube, Sie werden aus dem Lachen nicht mehr raus kommen.

Erkenntnis: Bei Persönlichkeit kommt es nicht auf die Größe an.

Unser Tierheimbesuch endet. Es war wie immer viel zu kurz. Aber wir müssen weiter, denn Robi wartet in der Pflegestation auf uns, wo wir auch die Boxen in mühsamer Puzzlearbeit zusammen bauen werden.

Bei Robi in der Pflegestation
Eingangs haben wir ja schon erörtert, dass ich ein Fan der schwarzen, kurzhaarigen Hunde bin. Es wird Ihnen an der ein oder anderen Stelle nicht entgangen sein. Bei Robi bin ich diesbezüglich im Paradies gelandet. Eine Bande Schwarzer umringt mich. Die Granate Szaffi ist eine unermüdliche Ballspielerin. Pascal ein ganz zärtlicher und vorsichtiger Kuschler. Fekete Peti, was übrigens Schwarzes Peterchen heißt, ist zwar nicht kurzhaarig, aber so voller Vertrauen, dass ich ihm das mal nachsehen möchte. Und Jenci (siehe Bild), der kleine Dauerschmuser mit dem Blick, der bis auf den Grund der eigenen Seele reicht. Szaffi geht nach einer Weile Ball spielen, aber Fekete Peti klettert auf meinen Schoß, Pascal legt seinen Kopf auf mein Bein und Jenci, weil er zu klein für beides ist, versteckt sein Schnäuzchen in meinem Hosenbein. Nun habe ich nur 2 Hände, aber Fekete Peti auf meinem Schoß ist zufrieden, dass er sich gegen mich lehnen und Körperkontakt aufnehmen kann.

Was wird mein Mann sagen, wenn ich mit Tigerlili, Letra, Cuki, Venusz, Pascal, Fekete Peti und Jenci nach Hause komme? Wenn ich ernsthaft eine Entscheidung treffen müsste, würde ich das Los entscheiden lassen. Denn egal, wer mitkommen würde, es wäre immer der richtige, weil alle einfach toll sind. So kann ich leider nur den Augenblick genießen und davon träumen, dass ich eines Tages einen von ihnen zu mir holen kann.

Die Verladung
Diesmal sind es viele Hunde. Und viele große. Der Aufbau der Boxen ist ausgeklügelt und geplant bis ins kleinste Detail. Doch bereits bei dem vierten Hund gerät die Verladung ins Stocken. Keszeg ist zu dick für ihre Box. Na, dann kommt sie eben in Micis Box. Mici ist die nächste beim Verladen. Oh Mann Mici. Du hast ganz schön viel auf den Rippen. Die Box, die für sie vorgesehen ist, in die jetzt Keszeg soll, hätte auf keinen Fall gepasst. Also rein hätten wir Mici bekommen, aber raus allerhöchstens mit dem Seitenschneider. Guter Rat ist teuer. Wir verteilen die Hunde in Gedanke wieder um. Mici soll jetzt in die Box von Mercedesz und die woanders hin. Mercedesz kommt. Oh nein. Die ist auch ganz schön moppelig und muss somit doch in ihre ursprüngliche Box. Also muss Szetti weichen und für Mici Platz machen. Szetti kommt. Sie werden nun nicht überrascht sein, wenn ich Ihnen erzähle, dass die Dame gut dabei ist und damit auch nicht umgesetzt werden kann. Eine Entscheidung muss getroffen werden, denn nun warten bereits drei dicke Damen vor dem Transporter auf ihren finalen Kennel. Uns fehlt eine große Box, das wird uns nun immer klarer. Also hieven wir Mici in die Box von Foltos, die erst in Kiskunfélegyháza einsteigt, Keszeg kommt nach hinten in die mittlere Reihe und Szetti wird mit Hilfe eines großen und kräftigen jungen Mannes, der im Tierheim arbeitet, in die oberste Reihe hinten gestemmt. Ich frage Angelika, wie wir die kleine Dicke da jemals wieder raus bekommen sollen und Angelika antwortet: „Mit Schwung. Und mit der Hilfe ihres neuen Herrchens.“ Na hoffentlich geht sie nicht an einen Frauenhaushalt. Für Foltos nehmen wir dann noch eine zusätzliche Box an Bord. Leider steht sie damit ungeplant (aber natürlich bombenfest gesichert) im Gang und somit im Weg und muss bei jeder Übergabe hin und her gerückt werden. Monika gibt Foltos aber zur Belohnung das ein oder andere Leckerchen.

Erkenntnis: Nicht alles, was ein wenig beschwerlich ist, muss auch durch und durch schlecht sein.

Micis Kennel ist groß genug für sie, aber die schlanken Hunde haben es eindeutig komfortabler. Der Schäferhund Pentek steigt schon in Bayern aus und Mici darf als Entschädigung in seine XXL Box umziehen und dort bis zu ihrem Ausstieg königlich wohnen.

Erkenntnis: Ohne Bewegung und gutes Essen geht man schnell aus dem Leim. Das ist bei Hunden nicht anders als bei Menschen.

Mit viel Mühe und Schweiß sind irgendwann alle Hunde an Bord.

Ganz zum Schluss werden die Mukks verstaut. Sie wohnen in ihrem Katzenkörbchen direkt zwischen den XXL-Boxen der Schäferhunde, mit drei Reihen Boxen über sich. Sie haben nun wirklich genügend Platz, aber es ist ein recht merkwürdiges Gefühl, die kleinen Hündchen so verstaut zu wissen. Nach jedem Stopp fragt dann immer eine von uns, ob die Mukks noch leben. Bei den Mukks ist und bleibt aber alles gut und sooft wir auch in ihr Körbchen lugen, sooft schauen sie ein wenig ängstlich und schiefhalsig, aber guter Dinge, zurück.

In Kiskunfélegyháza werden wir noch ein letztes Mal von der Körperfülle eines Hundes überrascht. Kamilla wird von 2 Damen ran geschleppt, aber ein Teil des Hundes hängt trotzdem runter. Ach du dicke Dame. Aber ihre Box passt trotzdem gut, weil wir sie größer geschätzt hatten als sie tatsächlich ist. Also von der Höhe her. Nun sind alle dicken Dämchen an Bord und wir düsen in Richtung Budapest, wo die Retriever von der Retriever Rescue noch zusteigen.

Molli steigt ein. Ihr Pflegefrauchen beginnt zu weinen. Sie tut mir so unendlich Leid. Ich könnte das nicht. Einen Hund hegen und pflegen und päppeln und dann abgeben. Molli versteht die Welt nicht mehr. Sie begreift nicht, dass sie gehen muss, weil dann ein anderer aus der Tötung gerettet werden kann. Sie weiß nicht, dass sie nun in ihr endgültiges Glück reist. Sie empfindet nur die Trennung und bringt das auch sehr lautstark zum Ausdruck. Und leider macht sie weiter, bis sie in Göttingen aussteigt. Manchmal ist sie ein paar Minuten ruhig und die Nicht-Fahrer versinken in dösigen Schlaf. Aber dann legt Molli wieder los und alle sind hellwach. Trotzdem kann niemand dem armen Mädchen böse sein.

Erkenntnis: Wenn man nicht schlafen kann, muss man reden.

Das fällt drei Frauen naturgemäß gar nicht schwer und so verbrauchen wir sicherlich 20.000 Wörter pro Fahrt.

Die Rückfahrt
Der erste Hund, der aussteigt ist Pentek. Pentek möchte das aber nicht. Robi hatte uns schon beim Einladen mit auf den Weg gegeben, dass Pentek eine gute Portion Vorsicht vor fremden Menschen intus hat. Wer könnte es ihm bei seinem Lebensweg verübeln. Auf der Raststätte Bayerischer Wald entscheidet Pentek deshalb, dass es für ihn besser und sicherer ist, in der Box zu bleiben. Die Box steht ganz unten und stabilisiert die dicken Damen oben, die ja alle noch an Bord sind. Also kann Pentek nicht in der Box übergeben werden. Guter Rat ist teuer. Pentek werden Leckerchen angeboten, die er zwar gerne nimmt, aber trotzdem nicht aussteigen will. Schäferhunde sind ja nicht die kleinsten und Penteks Zähne sind wunderschön und riesig groß. Ich werde echt nervös und entscheide, dass ich mal schnell aufs Klo gehe, weil ich nicht sehen möchte, wie Angelika der Arm abgebissen wird. Auf dem Weg zur Toilette frage ich mich, ob ich schon mal von einem guten Krankenhaus in der Nähe gehört habe, das auf Amputationen oder Handrekonstruktionen spezialisiert ist. Mit einem ganz ganz mulmigen Gefühl kehre ich zum Transporter zurück und sehe die Übernehmerin gerade noch weg fahren. Ach du Sch … Sie haben Pentek nicht raus bekommen und die Dame musste ohne ihn fahren. Meine Mädels sitzen aber gut gelaunt im Wagen und niemand weint oder blutet. Sie erzählen mir, dass Pentek zwar miese Laune beim Aussteigen hatte und die Lefzen hoch gezogen hat, aber letztendlich doch recht kooperativ von einem Wagen in den anderen gestiegen ist.

Erkenntnis: Angelika ist eine wirklich taffe Lady. Ich hätte mich das nicht getraut.

Die nächste, die aussteigt, ist Csokolade. Im Tierheim so ein bisschen verhuscht und latent schüchtern, steigt die Dame mit der besonderen Fellfarbe wie selbstverständlich aus, hockt sich vor ihre neue Besitzerin, wedelt mit dem Schwänzchen und hebt eine Pfote zum Zeichen, dass nun das angebotene Leckerchen bald mal gereicht werden könnte. Ausgestiegen. Angekommen. Toll.

Brigi wird eine Raststätte weiter mit den Worten: „Ist die süüüüüüüüüüüüüüüüüüüß“ und „die ist ja noch viel hübscher als auf den Fotos“ in Empfang genommen.

Jambor steigt aus und freut sich über seine Leute. Alles easy. Wenn er ein Mensch wäre, wäre er bestimmt so ein entspannter Surfer-Typ. Hey man. Hang loose.

Szetti fliegt über unsere Köpfe hinweg in die Arme ihres Herrchens. Sie isst und trinkt sofort und Frauchen ist ein wenig eifersüchtig auf ihrem Mann, dass er durch die Leckerchengabe nun einen Vorsprung bei Szetti hat.

Zsivanys Ausstieg bekomme ich leider nicht mehr mit, denn er steigt ganz zum Schluss aus. Aber sein neues Herrchen ruft mich netterweise abends an und berichtet mir, wie aufgeschlossen, einfach und gelehrig der Junge ist. Für ihn freue ich mich sehr, denn er ist mit der Unterforderung im Tierheim gar nicht gut zurecht gekommen.

Unsere Hunde verlassen uns nach und nach in eine glückliche Zukunft. Der eine etwas ängstlich wegen dem, was nun kommen mag, der andere ganz selbstverständlich, als hätte er schon immer gewusst, dass so etwas mal passiert. Am liebsten würde ich an dieser Stelle noch ganz wahnsinnig viel über die tollen Übergaben berichten und die vielen besonderen Menschen und Hunde, die man bei so einer Fahrt kennen lernt. Aber irgendwann ist auch mal die größte Aufnahmekapazität eines Lesers erschöpft und Sie möchten sicherlich langsam zum Ende kommen.

An meiner letzten Station, Kassel, wartet großes Publikum auf uns. Viele gespannte Abholer, unsere Teamkollegin Gisela mit dem tollen Bogi aus dem Tierheim Orosháza und unsere Teamkollegin Erika, die uns wie so oft vor dem Tod durch Hunger und Durst bewahrt und köstliche Salate, Laugenstangen und schwarzen Tee kredenzt. In Kassel findet jedes Mal so etwas wie eine Übergabeparty statt, da dort immer viele Menschen ihre Hunde übernehmen. Irgendwann trennen sich dann aber unsere Wege. Angelika und Monika und ein Ersatz-Fahrer fahren weiter nach Norden um den Rest der Hunde zu übergeben. Die stolzen Übernehmer fahren gespannt mit ihren neuen Familienmitgliedern Heim und auch ich mache mich auf die letzte Etappe meiner weiten Reise. Werner, der Mann von Erika, hievt mir noch die Agi ins Auto, denn die übergebe ich ganz in der Nähe bei mir zu Hause. Erika und Werner lotsen mich noch auf die richtige Bahn, weil das in Kassel nicht so einfach ist, besonders, wenn man schon mehr als gefühlte 48 Stunden auf dem Beinen ist.

Erkenntnis: So ein Transport ist ein echtes Abenteuer. Wie die Besteigung des Nanga Parbat ohne Sauerstoffmaske. Nur anstrengender. Aber eben auch genauso aufregend und emotional.

Ich wünsche allen Hunden und ihren neuen Besitzern alles nur erdenklich Gute. Bitte melden Sie sich ab und an, denn wir und die Ungarn freuen uns, wenn wir „unsere“ Hunde nicht aus den Augen verlieren.

Epilog
Agi und ich düsen von Kassel aus nach Hause. Noch drei Stunden und wir haben es geschafft. Die blonde Schönheit hat keine Lust, mich zu unterhalten und so bin ich froh, dass Agis neue Herrchen, die schon ganz ungeduldig auf sie warten, ab und an mal anrufen und auch meine Teamkollegin Gisela mich mit leichter Plauderei wach hält. Agi findet ihre neuen Herrchen gut und nähert sich ein wenig schüchtern den dargereichten Wiener Würstchen. Wiener are a girls best friend. Die Wiener leisten gute Überzeugungsarbeit und Agi entspannt sich zusehends. Frauen sind ja so bestechlich. Mach es gut Zuckerschneckchen. Ich habe das große Glück, dass du nicht weit von mir wohnst und ich dich bestimmt ab und an mal sehen werde.

Finale Erkenntnis: Es war eine schöne Tour mit guten Begegnungen mit tollen Menschen und großartigen Hunden. Ich würde es jederzeit wieder machen!

Nicole Halfenberg

 
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