"Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt".
(Rainer M. Rilke)

04.03.2022
Liebe Tierfreundinnen, liebe Tierfreunde,
Sie erinnern sich vielleicht noch an unsere Adventskalender-Aktion über die Wünsche zu den Startseitenartikeln. Da kam zum Beispiel der Vorschlag, mal etwas über Mehrhundehaltung lesen zu wollen. Wir haben unter unseren ÜbernehmerInnen doch einige, die mit mehreren Tierschutz-Hunden ihr Leben teilen. Wie das so ist, worauf man achten muss, wie viel Arbeit das macht und noch vieles mehr erfahren wir also hier aus erster Hand von einer PPH-Freundin:

Gedanken zur Haltung von mehr als einem Hund

Wer über die Anschaffung eines weiteren Hundes nachdenkt hat oft gutgemeinte Gründe dafür: Dem schon vorhandenen Hund einen Kumpel an die Seite stellen wollen oder einem weiteren bedürftigen Tierschutz-tier zu einem tollen Zuhause verhelfen, sind die, die ich persönlich am häufigsten höre.

Und da ich selbst seit vielen Jahren mit einem fünfköpfigen Hunderudel zusammenlebe, werde ich auch öfter mal ge-fragt, auf was man denn bei einer Mehrhundehaltung achten müsse. Oder auch mal warum ich mir das antue. Von daher möchte hier ein paar Gedanken und Erfahrungen dazu aufschreiben, denn vielleicht trägt sich ja auch der eine oder andere Leser dieser Seite mit dem Gedanken, sein Familienrudel zu vergrößern.

Auf jeden Fall sollte die Entscheidung, einen weiteren Hund aufzunehmen - wie ja generell die Anschaffung eines Haustieres - sehr gründlich überlegt sein, das ist ja mal klar. Bitte niemals aus Mitleid die Vernunft hintenanstellen.
Denn es zählen eigentlich dieselben Kriterien/ Fragestellungen wie beim Ersthund:
- ist genug Platz vorhanden ( in der Wohnung/ im Haus, im Auto)?
- bei Mietwohnungen: ist diese Art der Haltung erwünscht/erlaubt?
- ist genug Zeit da, um jedem Hund gerecht zu werden ( es muss auch jeweils einzeln trainiert bzw. mal Gassi gegangen werden)?
- können die Kosten für Futter, Tierarzt, Versicherung, Steuer getragen werden?
- wer kümmert sich bei Krankheit / Urlaub/ Trennung und unvorhergesehenen Veränderungen?
- sind alle Familienmitglieder einverstanden?

Falls das Resümee hier positiv ausfällt, stellt sich als Nächstes die spannende Frage, wie der Ersthund (bzw. die anderen vorhandenen Hunde) die Idee mit dem Rudelzuwachs wohl finden würden und welcher (Typ) Hund am besten zur Rudelverstärkung geeignet wäre.

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Das ist bei diesem Thema aus meiner Sicht der sensibelste Bereich, denn: jeder Hund ist eine echte Persönlichkeit, hat individuelle Bedürfnisse, bringt genetisch und biographisch seine Eigen-heiten mit und braucht von seinen Menschen Aufmerksamkeit, Zuwendung und artgerechte Beschäftigung. Mancher Hund würde einen Artgenossen im eigenen Zuhause freudig begrüßen und es genießen, kein Einzelhund mehr zu sein; ein anderer sich eher damit irgendwie arrangieren, könnte aber auch wunderbar ohne auskommen…und noch ein anderer wird es vielleicht gar nicht dulden und den Neuzugang dauerhaft massiv ablehnen oder sich frustriert zurückziehen.

Wer seine(n) Hund(e) gut kennt, kann aber doch anhand vieler Beobachtungen eine Einschätzung treffen. Wer gut sozialisierte gesellige Hunde hat, die den Umgang mit verschiedenen Artgenossen gewöhnt sind, hat schon mal eine wichtige Voraussetzung erfüllt. Falls nicht sowieso schon passiert, lohnt es sich auch, mal den Fremd- Hundebesuch im eigenen Haushalt (Territorium) auszuprobieren, indem man Menschen mit (nettem) Hund zu sich einlädt und schaut, wie das so läuft.
Genauso weiß man als Herrchen/ Frauchen ja auch ziemlich genau, mit welchem Typ Hund der eigene grundsätzlich am besten klarkommt, auch das kann man dann ja bei der Auswahl eines Artgenossen berücksichtigen. Man braucht natürlich eine gute Beratung vonseiten der Tierschützer oder Züchter hinsichtlich der Auswahl des hoffentlich passen-den Neuzugangs: bestenfalls können sich die Hunde im Tierheim, auf einer Pflegestelle oder beim Züchter unverbind-lich kennenlernen und es zeigt sich, ob “ die Chemie stimmt“. Geht das nicht, weil der ausgewählte Hund sich zum Beispiel noch in einem Tierheim im Ausland befindet, ist es wichtig, dass man so viel wie möglich über dieses Tier erfährt und einen vertrauenswürdigen Verein findet, der auf Ehrlichkeit, Erfahrung und Hundeverstand setzt und nicht auf „Vermitteln um jeden Preis“.

In der entsprechenden Fachliteratur über Mehrhundehaltung wird übrigens gerne erwähnt, dass bestimmte Hunderassen (z.B. Meutehunderassen, Windhunde, Huskies, einige kleine Gesellschaftshunderassen) in der Regel im Rudel sehr gut gehalten werden können bzw. sogar sollten. Auch hier sollte man aber nicht pauschalisieren, sondern ganz individuell prüfen, ob es miteinander passen könnte.

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Uns hat damals- als wir vor über 20 Jahren über die Adoption eines passenden Hundefreundes für unsere dreijährige quirlige kleine Spanielmixhündin Kira nachdachten - ein kluger Hundemensch gesagt: „Achte darauf, dass der Neue der Kira nicht zu ähnlich ist, es sollten in zwei wesentlichen Bereichen Unterschiede da sein. Damit es keine Konkurrenz untereinander gibt.“ Er meinte wesentliche Bereiche wie: Alter, Geschlecht, kastriert/ unkastriert, Körpergröße, Gewicht, Charakter, Rasse-eigenschaften. Und er sagte auch: „Wie gut, dass die Kira schon so gut erzogen und erwachsen ist, denn der neue Hund wird sich stark an ihr orientieren“. Dieser Tip war großartig.

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Zu der recht kleinen fröhlichen selbstbewussten Kira kam dann bald der zwei Jahre jüngere sehr ängstliche größere Podencomischling Sancho aus dem spanischen Tierschutz. Beide waren vom ersten Tag an ein Dreamteam und haben sich wunderbar ergänzt. Sie wurden beide steinalt und haben erlebt und genossen, dass das Ru-del dann im Laufe der Jahre größer wurde. Zunächst kam ab und zu bis zu seiner Vermittlung ein Pflegehund aus dem Tierschutz dazu, dann nach und nach drei bleibende Tierschutz -Hunde, ( Terriermix Pedro, Collie/ Schäferhund/ Hus-ky- mix Enya, ´Dackelmix Becky) , so dass es dann ein Fünferrudel wurde. Inzwischen leben diese tollen Hunde alle nicht mehr. Sie wurden zum Glück sehr alt und der freigewordene Platz im Rudel wurde dann jeweils wieder besetzt. Immer auch unter Berücksichtigung des oben benannten Hinweises in Kombination mit dem berühmten “ Bauchgefühl“, auf das ich mich bis heute immer verlassen kann.

Mehrhundehaltung bedeutet viel Arbeit, verlangt viel Aufmerksamkeit und macht-wenn es einem liegt- wahnsinnig viel Freude. Doppelte oder eben mehrfache Freude. Sie tun sich gegenseitig gut und halten sich jung. Lernen vonei-nander, sind nie alleine, haben immer jemanden zum Spielen und/ oder Kuscheln. Manch Einzeltier ist mit einem Art-genossen viel besser ausgelastet, was dann wiederum auch für den Menschen schön ist.

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Die Rudelhaltung schränkt den Menschen aber auch in vielerlei Hinsicht mehr ein: man braucht logischerweise viel mehr Zeit, Platz, Geld und überhaupt Energie als man für ein Einzeltier braucht. Auch für die eigene Familie, Freunde und Bekannte verändert sich damit etwas. Ebenso bei den Möglichkeiten in Urlaub zu fahren, hier ist der Spielraum definitiv kleiner bzw. muss eine Betreuung der Tiere gut organisiert werden, falls sie nicht mitgenommen werden können.

Alles in allem würde ich sagen, dass die Haltung mehrerer Hunde eine tolle und spannende Herausforderung und Bereicherung sei kann. Aber eben nicht für jeden das Richtige ist. Langfristig werden es auch bei uns irgendwann altersbedingt sicherlich weniger und /oder kleinere Hunde werden.
Aber zurück ins Hier und Jetzt: Danke an Kora (6 J.), Joschi (13 J.), Kiki (4 J.), Mini (9 J.) und ganz neu: Klein-Monty (5Mon). Danke, dass es euch gibt, ihr seid alle einzigartig und ein tolles Team.

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Zum Schluss nochmal zurück zur Überschrift: Kommt es also auf einen mehr oder weniger nicht an?! Doch, ja, es kommt bei einem zufriedenen stimmigen Rudel auf jeden einzelnen an und es braucht von Mensch und Tier viel Geduld, Kommunikationsfähigkeit, Toleranz, Souveränität und Freude am Miteinander. Dann ist alles gut.

 
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