"Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt".
(Rainer M. Rilke)

11.5.2015
Liebe Tierfreunde,
die Vermittlung eines Angsthundes ist etwas ganz besonderes. Sowohl für die Übernehmer als auch für die Vermittler. So war auch ich ganz fürchterlich aufgeregt, als es für meinen extremsten Angsthund, die wunderhübsche Szutyi, irgendwann hieß: Auf ins 1. Zuhause deines Lebens!

Szutyi hatte lange Jahre bei einem geistig verwirrten Animal-Horder gelebt, von Geburt an, ohne irgendwelchen Kontakt zur Außenwelt. Sie lebte die ersten Jahre ihres Lebens an einer kurzen Kette in einer baufälligen Scheune. Ob sie jemals genug zu fressen bekam oder gar misshandelt wurde … ich weiß es nicht. So traumatisiert wie sie ist, ist das sehr wahrscheinlich.

Szutyi kannte vor ihrer Ausreise rein gar nichts, hatte panische Angst vor allen Menschen, verkroch sich am liebsten in der hintersten Ecke ihres Geheges, wenn man sie auch nur ansah. Als ich sie im Tierheim besuchte, habe ich nur von außen ins Gehege gespinnst und habe als erstes ihre vor Angst aufgerissenen Augen gesehen und habe mich schnell wieder zurückgezogen, um sie nicht noch mehr zu stressen. Was mag dieses arme Mädchen wohl alles erlebt haben?

Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum man als Vermittler bei einer solchen Vermittlung wahnsinnig aufgeregt ist und sich vorher tausenderlei Gedanken macht: Kann das gut gehen? Wissen die Menschen wirklich, worauf sie sich einlassen? Schaffen sie es tatsächlich, einen solchen Hund in ihren Alltag zu integrieren? Kommt der Hund irgendwann klar oder stirbt er vor Angst im wahrsten Sinne des Wortes? Wie wird der Transport für den Hund sein? Die Abholung?

Auch Horrorszenarien über das Weglaufen des Hundes spukten mir im Kopf herum. So, wie es erst vor einigen Monaten passiert war. Einer meiner ängstlichen Hunde (kein Angsthund wie Szutyi!) ist zu Menschen gekommen, die sich im Nachhinein als völlig verantwortungslos heraus gestellt haben. Die den Hund wider jeglicher Absprachen über Stunden alleine in den Garten gesperrt haben. Am ersten Tag nach seiner Ankunft, wohl gemerkt. Der Hund hatte genügend Zeit, sich aus dem Garten zu befreien. Wir haben gesucht. Die Besitzer nicht. Der Hund wurde überfahren. Die Beziehung zu unseren ungarischen Kollegen war belastet. Ich musste mir die berechtigte Frage gefallen lassen, warum ich den Hund dorthin vermittelt habe, nur damit er ein paar Tage später tot gefahren wird.

Und dann kurz darauf ein weiterer Angsthund, der reisen soll. Viel Überzeugungsarbeit ist nötig, um Szutyis Ausreise zu erwirken, denn natürlich machen unsere ungarischen Team-Kollegen sich auch viele Sorgen um ihre Hunde. Eigentlich wollte ich gefühlsmäßig zu diesem Zeitpunkt gar nicht, dass Szutyi fährt, aber natürlich war das nur Feigheit vor dem, was passieren könnte. Eine Ausreise war ihre einzige Chance, denn die Tierheimleiterin sagte mir, dass sie in Ungarn keine Chance auf Vermittlung hat und sie sich im Tierheim nicht würde weiter entwickeln können.

Szutyis Menschen haben einen durch und durch positiven Eindruck gemacht, haben viel Erfahrung mit Angsthunden, sind ausgesprochen verantwortungsvoll, waren sich immer bewusst, dass Angsthunde „anders“ sind und haben sich sehr auf die schwere Aufgabe der Sozialisation gefreut. Also hat sich unser Angst-Mäuschen Anfang dieses Jahres auf den langen Weg in eine glückliche Zukunft gemacht.

Meine Team-Kollegin Annette Dellian hat Szutyi vor einigen Tagen besucht:

„Ich habe mich heute ins Auto geschwungen, um die Angsthündin Szutyi, die Ende Januar gereist ist, zu besuchen. Gleich vorweg, gesehen habe ich Szutyi nur etwa 30 Sekunden. Das liegt daran, dass sie nicht ins Wohnzimmer kommen wollte, weil da das (ruhig) spielende Enkelkind und die fremde Besuchstante waren. Ihr Herrchen hat sie kurz auf den Arm genommen, um sie mir zu zeigen, dann durfte sie sich wieder zurückziehen. Ich fand das toll, dass hier nicht auf Show gemacht wurde und der Hund tun durfte, wonach ihm ist; nämlich wieder gehen.

Wo fange ich an? Szutyi war von Anfang an quasi stubenrein und lief auch Treppen. Tagsüber hält sich sich überwiegend an ihren diversen Rückzugsorten im Haus auf. Dort wird immer wieder Kontakt zu ihr aufgenommen und sie auch immer wieder einmal herausgeholt, damit sie den Alltag kennenlernen kann. Wenn Besuch im Haus ist, darf sie bleiben wo sie will, da der Stress sonst zu groß für sie ist. Mit der Ersthündin gab und gibt es keine Probleme.

Pieselrunden im Garten werden an der Leine gemacht, da sie sich an der Leine sicherer fühlt! Leint Herrchen sie zum Schluss ab, geht sie erst mit ihm gemeinsam ein Stück Richtung Haus, wird dann aber immer schneller und saust ganz schnell ins Haus. Wenn er aber nicht gleich nachkommt, läuft sie nochmal zurück und schaut, wo er bleibt. Im Haus fühlt sie sich scheinbar sicherer.

Zum nahegelegenen Wäldchen wird die Maus ins Auto gehoben - kein Problem – und gefahren. Dort läuft sie sehr interessiert mit der Nase am Boden und begutachtet jeden Grashalm. Sie springt nicht vor Freude los, wenn es zum Spaziergang geht, mag aber schon gerne mitkommen. Treffen sie Hunde oder andere Leute, ist die Reaktion unterschiedlich. Bei manchen möchte sie sich unsichtbar machen und weicht so weit wie möglich aus. Bei anderen bleibt sie mehr oder weniger interessiert stehen.

Abends werden die Hunde immer zum Kuscheln auf das Sofa gepackt. Dort kann Szutyi auch ihre Streicheleinheiten über längere Zeit genießen und bleibt, bis man ins Bett geht dort. Die Körbe der Hunde stehen im Schlafzimmer. Dort ist das Angsthäschen sehr entspannt und lässt sich gerne noch mit einem Gute-Nacht-Leckerli verwöhnen.

Herrchen meint, sie interessiert sich schon für ihre Leute und hätte wohl eigentlich gerne Kontakt, aber sie traut sich einfach noch nicht. Sein Motto lautet:
1. Dem Hund Zeit geben und ihn in Ruhe lassen.
2. Immer wieder Kontakt aufnehmen.
3. Warten bis der Hund von selber kommt.

Ich sage euch ganz ehrlich, ich bewundere die Gelassenheit und Selbstverständlichkeit, wie er das so sagt. Er betont immer wieder, dass es bei der Ersthündin 2 Jahre gedauert hat, bis sie so weit "normal" war, und Szutyi ist ja erst 2 Monate da. Außerdem meint er, dass sie nicht nur ängstlich, sondern auch traumatisiert ist. Aggressiv ist die Süße übrigens nie. Weder beim Heben, noch beim Enkelkind oder beim Tierarzt knurrt sie oder zeigt die Zähne.

Ich kann nur sagen, dass ich alle Leute bewundere, die sich an so eine Aufgabe herantrauen. Ängstlich und schüchtern ja, aber das ist nochmal eine andere Nummer. Ich wünsche sowohl Szutyi als auch ihrer Familie, dass die Angstmaus gute Fortschritte macht und es bald schafft, das Leben in ihrer Familie vollends zu genießen.“

Dem kann ich mich nur anschließen. Aber ich bin ganz sicher, dass ihre Familie niemals locker lassen wird, bis Szutyi ein fast normaler Hund ist. Ein großes Dankeschön von uns allen für so viel Mut, Geduld und Durchhaltevermögen.

Ihr Pusztahunde-Team

 
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