"Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt".
(Rainer M. Rilke)

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Am Abend des 8. September sind wir, Janine Hermes, Dagmar Sieg und Adrix Patzak, nach Ungarn aufgebrochen. Unser Kollege Michael Schwaiger ist uns am 9. September gefolgt. Dass wir in Sachen Tierschutz unterwegs waren, muss sich herumgesprochen haben. Unseren ersten "Fall" hatten wir denn auch auf einem Rastplatz in Österreich. Dort irrte ein großer Berner Sennenhund-Rüde scheinbar hilflos umher.



Niemand sonst kümmerte sich darum. Entweder glotzten die Leute nur blöd oder beeilten sich, dem Hund nur ja nicht zu nahe zu kommen. Natürlich konnten wir den armen Kerl nicht einfach sich selbst überlassen, aber die alarmierte Polizei ließ auf sich warten und so brachten wir fast eine Stunde auf dem Rastplatz zu, um dann schlußendlich zu erfahren, dass der Hund einem Schrotthändler, der in der Nähe wohnt, gehört und immer wieder abhaut, um dann auf dem Rastplatz herumzustreunern.

Pünktlich zur Kaffeezeit trafen wir bei Kerstin und Fritz ein. Bei dieser Gelegenheit konnten dann auch Janine und Adrix die Pusztahunde Lenny, Pünktchen, Katalin und Merlin kennenlernen, die noch immer auf ein schönes Zuhause warten. Am frühen Abend sind wir im Hotel angekommen, haben noch eine Weile zusammengesessen, um dann todmüde zu Bett zu gehen.


Am nächsten Morgen, Michael war inzwischen auch eingetroffen, ging es bei strömenden Regen zunächst ins Tierheim Orosháza.


Vor dem Tor wurden wir von Dönci und der kleinen Lucky begrüßt, die es augenscheinlich auch vorgezogen hat, lieber davor als im Tierheim zu leben. Gleich vorn ist jetzt der alte Kettenhund Palkó angebunden, der sich freute, uns zu sehen und ganz aufgeregt herumsprang. Janine wurde gleich von einem Wuschelhund in Beschlag gelegt und auch die Welpen Zsazsa & Co freuten sich über die Abwechslung.

Viele bekannte Fellnasen habe ich wiedergetroffen und jedesmal wünsche ich mir, die Leute könnten diese Hunde einmal live vor Ort erleben. Eine Lobi, die einem nicht mehr von der Seite weicht, ein Bobszli (auf dem obigen Video zu sehen), der nie genug Streicheleinheiten bekommen kann, der aber das Pech hat, schwarz und ziemlich unfotogen zu sein, eine Bella, die fast in einen hineinkriecht oder die Schäferhündin Fülike mit ihren abgeschnittenen und abgefressenen Ohren, die ohne ausreichende menschliche Nähe im Tierheim entsetzlich leidet. Oder den wunderschönen Jaffa, der 'raus will, etwas erleben will und schon einen Zwingerkoller entwickelt hat. Eine Kitty mit ihren ausdrucksvollen Augen oder unseren "Flyerhund" Floki, der wegen seines eher unspektakulären Aussehens kaum eine Chance hat, das Tierheim jemals in Richtung auf ein neues Zuhause verlassen zu können, obwohl er ein charmantes Wesen hat.


Alle sehnen sich danach, den Gitterstäben, dem Lärm entfliehen zu können. Denn auch wenn die Zahl der Hunde in den einzelnen Gehegen und Zwingern möglichst gering gehalten wird, die freiwilligen Helfer mit ihnen auch einmal spazieren gehen, bleibt es ein trostloser Ort. Einige haben schon jede Hoffnung aufgegeben, kommen gar nicht mehr ans Gitter. Überall sieht man in traurige Hundegesichter. Ein wenig streicheln ist für sie nur ein schwacher Trost in ihrem Elend.



Viele Hunde haben einen fürchterlichen Husten, etliche Hündinnen Mammatumore. Wie zum Beispiel Puszi, die sich mit ihrem Freund Bob ein Gehege teilt.



Mittlerweile völlig durchnässt mussten wir uns von den Fellnasen in Orosháza verabschieden, weil natürlich auch das Tierheim Szentes noch auf unserem Programm stand.

 


 



Im Tierheim Szentes sind grundsätzlich immer zu viele Hunde, aber durch die 35 Neuzugänge der letzten Wochen hat sich die Situation dramatisch zugespitzt. Zusammengepfercht in viel zu kleinen Gehegen, treten sich die Hunde dort gegenseitig auf die Füße. In einem kleinen Gehege von maximal 15 qm befanden sich 14 (!) Neuzugänge - unter anderem ein kleiner schwarzer Junghund und ein junger Dackelmann, abgemagert bis auf die Knochen. Die anderen ließen die beiden Fellnasen nicht unter den Dachüberstand, geschweige denn in eine der drei Hundehütten. Jedesmal, wenn die beiden Schutz vor dem strömenden Regen suchten, wurden sie weggeknurrt. So saßen die beiden Mäuse schlotternd im Wasser. Eine kleine Hündin schrie und wimmerte die ganze Zeit.

Es ist nur schwer zu ertragen, wenn man davorsteht und weiß, man kann nicht helfen. Wir alle hatten schwer mit Tränen zu kämpfen. Aber Weinen hilft den Hunden auch nicht. Es musste zumindest für die beiden Junghunde eine Lösung gefunden werden. Und wie es das Schicksal wollte, kam ein nettes junges ungarisches Pärchen und nahm den schwarzen Junghund mit. Blieb also noch Lacika, der Dackelmann. Wir konnten nicht anders: Wir haben ihn herausgeholt und am nächsten Tag zu Kerstin und Fritz gebracht, wo er jetzt auf ein schönes Zuhause wartet.  

Unser Plan, möglichst viele Hunde zu katalogisieren, ist buchstäblich ins Wasser gefallen. Es regnete ununterbrochen, so dass sich zunächst Adrix Videokamera verabschiedete und anschließend auch mein Fotoapparat. In der Hoffnung, dass wenigstens seine Spiegelreflexkamera wasserdicht ist, hat Adrix so viele Hunde wie möglich fotografiert, deren Daten uns Ildiko dann nachliefern sollte.

Ildiko ist übrigens die gute Seele dort. Neben Arbeit, Familie und etlichen Pflegehunden schuftet sie tagtäglich unentgeltlich im Tierheim, versorgt uns überdies mit Informationen und schickt uns neue Hunde. Diese Frau, die mit ganz viel Herz bei der Sache ist, verdient unsere Hochachtung.

Übrigens: Es hatte erst in der Nacht zuvor begonnen zu regnen. Trotzdem stand das halbe Tierheim schon wieder unter Wasser. Zu einigen Gehegen konnte man nur mit Gummistiefeln gelangen. Das Wasser stand dort wadenhoch.

 


Es gab fast nirgendwo mehr ein trockenes Plätzchen. Eine Kanalisation würde 5.000,00 EUR bis 6.000,00 EUR kosten. Die kostengünstigere Möglichkeit, eine Pumpe zu installieren und in den Gehegen Podeste zu schaffen, worauf die Hunde sich zurückziehen können, scheitert zum einen daran, dass das Tierheim Szentes keinen Strom hat, aber auch daran, dass das für uns zurzeit unbezahlbar ist. Das Tierheim Orosháza, das auch unter Überschwemmungen zu leiden hat, verfügt über einen Stromanschluss. Dort könnte zumindest mit der kostengünstigeren Methode Abhilfe geschaffen werden.  

Neben den gesundheitlichen Problemen, die der Aufenthalt in Szentes mit sich bringt, wie jetzt ganz aktuell die vielen Fälle von Hauterkrankungen, gibt es auch viel zu wenig Hundehütten. Das bedeutet, dass viele Hunde im kommenden Winter im Freien liegen müssen, denn auch hier fehlen uns die finanziellen Mittel.



Schweren Herzens, aber froh, bald unter die warme Dusche und in trockene Klamotten schlüpfen zu können, sind wir gegen 16.00 Uhr ins Hotel zurückgefahren. Abends haben wir uns mit Icus, Eva, Jutka und Anna vom Tierheim Orosháza zum Essen getroffen. Natürlich gab es viel zu besprechen und so wurde es dann doch recht spät, bis wir ins Bett kamen.

Am nächsten Morgen wurden uns Akela (Sam) und Maszola zum Hotel gebracht. Der Abschied des Pflegevaters von Maszola war herzzereißend. Er hat uns extra noch eine Decke für sie mit seinem Geruch mitgegeben. Im Tierheim Szentes warteten schon die reisenden Pusztahunde auf uns. Die Bernhardiner-Dame Donna war ebenfalls mit von der Partie. Kata hatte extra ein großes Auto genommen, denn bei uns wäre für Donna kein Platz mehr gewesen. Den letzten Stopp haben wir bei Kerstin und Fritz gemacht, um Donna und Lacika dort abzugeben und um Pünktchen abzuholen. Mit einer Stunde Verspätung haben wir uns auf den Heimweg gemacht, viele schöne Übergaben erlebt, um am nächsten Morgen übermüdet und erschöpft Zuhause anzukommen. An dieser Stelle ein dickes Dankeschön für die Aufmerksamkeiten, den Kaffee und die belegten Brote, die uns extra an die Autobahn gebracht wurden.

Ich möchte diesen Reisebericht zum Anlass nehmen, erneut um Hilfe zu bitten. Um Hilfe für die Pusztahunde in Orosháza und Szentes. Es wird sehr viel Kraft und noch mehr Geld kosten, unsere Ziele zu verwirklichen. Aber diese armen Geschöpfe haben es sich nicht ausgesucht, geboren zu werden. Wir stehen in der Verantwortung, ihnen ihr Schicksal zu erleichtern und dafür zu sorgen, dass nicht ständig neuer Nachwuchs produziert wird. Es wird ein langer, steiniger Weg werden und es wird Rückschläge geben. Aber gemeinsam sind wir stark. Packen wir es an!

Ihre
Dagmar Sieg

 
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